Stand: 19.07.2018 19:00 Uhr

Eine Stunde, ein Leben: Larissa und die Magersucht

Penibles Kalorienzählen und Hungern, bis nichts mehr geht: Anorexie gehört zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. In unserem N-JOY Special "Eine Stunde, ein Leben" hat uns eine Betroffene von ihrem Kampf gegen die Krankheit erzählt.

39 Kilogramm bei 1,65 Meter Körpergröße: Das war der absolute Tiefpunkt. Larissa litt unter Magersucht. Keine Seltenheit in Deutschland: Seit der Jahrtausendwende hat die Zahl der in den Krankenhäusern jährlich diagnostizierten Fälle von Magersucht dramatisch zugenommen: Waren es 2000 noch 5.363 Fälle, wurden 2015 über 8.000 Fälle festgestellt. Krankhaftes Abnehmen, das Unterdrücken von Hungergefühlen und oftmals exzessiver Sport zählen zu den typischen Symptomen.

Das kennt auch Larissa aus Berlin. Erst verzichtete sie auf Pizza und Burger, dann wurde die Essens-Verbotsliste immer länger. Sie verliert die Kontrolle und sortiert am Ende sogar Erbsen aus dem tiefgefrorenen Wok-Gemüse aus, weil diese ihrer Meinung nach zu viele Kohlenhydrate haben.

Das hat ganz schleichend angefangen. Ich hatte gar nicht vor abzunehmen. Ich hatte auch vorher nie Gewichtsprobleme. Es kam Schritt für Schritt, dass ich immer weniger und immer ausgesuchter gegessen habe. Larissa im N-JOY Interview

Traumatische Erlebnisse erschütterten Larissas Leben

Die damals 26-Jährige hat kurz zuvor ihre Eltern verloren. Erst starb ihr Vater an Krebs, wenige Wochen später nahm ihre Mutter sich das Leben - zwei traumatische Schicksalsschläge in kürzester Zeit, die laut Larissa entscheidend zum Ausbruch der Krankheit beigetragen haben.

Essen verschwindet in extra ausgekleideten Taschen der Jacke

Wie so viele Menschen mit Essstörungen gelingt es Larissa, ihre Krankheit vor ihren Mitmenschen lange zu verbergen. Immer wieder findet sie Ausreden, lügt und versteckt den Gewichtsverlust unter weiten Klamotten. Manchmal schiebt sie das Essen sogar heimlich in die Taschen ihrer Strickjacke, damit ihre Freunde nicht mitbekommen, dass sie nichts isst. Doch was führt zu diesem zwanghaften Verhalten?

Zum Thema

Was ist Magersucht?

  • Der medizinische Fachbegriff "Anorexie" leitet sich aus dem griechischen Wort "anorektein" ab, was so viel wie "ohne Appetit sein" bedeutet. Das stimmt nicht unbedingt für die Betroffenen der Krankheit, da viele Magersüchtige versuchen ihren Appetit zu unterdrücken.
  • Die Ursachen können von biologischen, gesellschaftlichen, psychologischen und familiären Aspekten vielfältig sein.
  • Durch den massiven Gewichtsverlust und die Mangelernährung kann Magersucht tödlich enden. Betroffenen wird empfohlen, psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Alle Informationen rund um das Thema Magersucht gibt es auf der Seite desBundesgesundheitsministerium.


Essstörungen können vielfältige Ursachen haben

Von psychische über biologische bis hin zu gesellschaftliche Faktoren sind die Ursachen für eine Magersucht vielfältig und stehen oftmals in Wechselwirkung zueinander. Wir haben mit Shirley Hartlage von Waage e.V., Fachzentrum für Essstörungen in Hamburg, gesprochen. "Magersucht eine ernst zu nehmende psychische Erkrankung", so die Expertin. Von der Unzufriedenheit mit dem eigenem Körperbild über belastende Konflikte in der Familie und Traumata bis hin zu gesellschaftliche Schönheitsideale gäbe es zahlreiche Risikofaktoren. Ein "niedriges Selbstwertgefühl oft in Kombination mit einem sehr hohen Leistungsideal" zähle ebenso zu der Liste möglicher Ursachen. Viele Betroffene seien nicht in der Lage ihre Krankheit anzuerkennen.

Die sogenannte Körperbildstörung äußert sich darin, dass die Betroffenen eine verzerrte und eingeengte Wahrnehmung bezüglich ihres Körpers haben. Ihre Aufmerksamkeit richtet sich häufig auf einzelne Körperpartien wie Bauch, Hüften oder Oberschenkel, die dabei als zu dick, unförmig empfunden werden. Das macht es natürlich umso schwieriger, wenn es um die Einsicht geht, krank zu sein und Hilfe zu brauchen, denn die Realitäten von essgestörten Menschen und Außenstehenden sind unterschiedlich. Shirley Hartlage

Larissas Weg aus der Krankheit

Im Gegensatz dazu hat Larissa immer gemerkt, dass etwas nicht stimmt. "Ich wollte dem Kind keinen Namen geben", so die Berlinerin. Als sie dann aber daran scheiterte, sich selbst aus ihrer Lage zu befreien, wurde Larissa suizidal. Doch sie entschied sich gegen den Weg, den ihre Mutter vor einiger Zeit wählte.

Larissa sucht sich professionelle Hilfe

Larissa begab sich in therapeutische Hilfe. Schnell stellte sich heraus: Das Essen ist nicht das Problem. Hinter der Essstörung stehen anderer Konflikte. Auf dem Tiefpunkt zertrümmert sie - wie sie selbst sagt - ihr altes Leben. Sie schmeißt ihren Job hin und beendet ihre Beziehung. Erst später stellt sich Larissa gemeinsam mit einem Therapeuten diesen Konflikten.

In meinen Augen wird niemand magersüchtig, weil er eine Folge "Germanys Next Topmodel" zu viel geguckt hat. Das ist viel zu einfach. Magersucht ist multifaktoriell und ganz komplex, wie so eine Krankheit entsteht. Larissa im N-JOY Interview

 

 

Heißhungerattacken auf dem Weg aus der Magersucht

Es folgen Heißhungerattacken, in denen Larissa einfach nur alles mögliche Essen unkontrolliert in sich hineinstopft.

Es gibt hormonelle Umstellungen, die dazu führen, dass du niemals satt bist. In der Situation habe ich mich mit einer Familienpizza, drei Tafeln Schokolade und ein paar Stücken Kuchen auf dem Sofa wiedergefunden. Ich dachte, ich platze gleich, aber ich konnte nicht aufhören zu essen. Larissa im N-JOY Interview

In dieser Phase rutschen viele Betroffene in die Ess-Brech-Sucht (Bulimie) ab. Larissa hat es aber geschafft. Heute geht es ihr besser, sie bloggt und hat ein Buch über ihre Anorexie veröffentlicht.

Auch das Fachzentrum für Essstörungen in Hamburg bemüht sich um Aufklärung rund um das Thema und hat kürzlich einen Film zum Thema produzieren lassen. In dem Streifen "Ich hab's geschafft - ein Dokumentarfilm über Essstörungen" von Waage e.V. erzählen neun Menschen von ihrer Krankheit.

Hier geht es zum Trailer ...

Ihre Erfahrungen hat Larissa auch in einem Buch niedergeschrieben: "Friss oder stirb - Wie mir die Magersucht auf den Magen schlug und ich ihr ins Gesicht".

In der N-JOY Sondersendung "Eine Stunde, ein Leben" berichtete Larissa von ihren Erfahrungen und ihrem Kampf gegen die Magersucht.

Hier die gesamte Sendung zum Nachhören

Das Bild zeigt Larissa bei ihrem Besuch im N-JOY Studio. © N-JOY Foto: Dhala Rosado

Eine Stunde, ein Leben: Larissas Kampf gegen die Magersucht

N-JOY - Der N-JOY Nachmittag mit Nina und dem Haacke -

Larissa war magersüchtig, wog nur noch 39 Kilo bei einer Körpergröße von 1,65 Meter. Bei N-JOY erzählt sie ihre Geschichte und vom Kampf gegen die Krankheit.

 

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

N-JOY | Der N-JOY Nachmittag mit Nina und dem Haacke | 19.07.2018 | 18:00 Uhr

N-JOY
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