Stand: 21.09.2018 09:10 Uhr

Extremschwimmer: "Hände und Füße sterben irgendwann ab"

Der Extremschwimmer André Wiersig erzählt in "Am Rand", dem neuen N-JOY Talk mit Jörg Thadeusz, wie er es geschafft hat, mehr als 18 Stunden am Stück durchs offene Meer zu schwimmen und was seine Kollegen über sein extremes Hobby denken.

André Wiersig ist Marketingleiter in einer IT-Firma: In seiner Freizeit schwimmt er durch die extremsten Meerengen der Welt. Bis zu 18 Stunden dauern seine Touren durch das tausend Meter tiefe Wasser. Normale Menschen würden in dem eisigen Wasser bis zu 90 Minuten überleben: André schwimmt alleine, begleitet von seinem Schwager Jürgen auf einem Boot; zur Sicherheit und damit er genug Nahrung bekommt. Denn durch das andauernde Schwimmen durch das teils eisige Meerwasser verbraucht der Extremschwimmer mehrere zehntausend Kalorien während einer Tour.

Podcast "Am Rand": André Wiersig im Gespräch mit Jörg Thadeusz

Fünf der sieben Meerengen hat André bereits durchschwommen: den Ärmelkanal, die Meerenge zwischen Schottland und Irland und weitere Extremstrecken vor Hawaii, den USA und Japan. Wie er sich auf seine Touren vorbereitet, warum er nie weiß, ob er bald ankommt und wie er die Begegnung mit der hochgiftigen Quallenart "portugiesischen Galeere" überlebt hat, erzählt er im Gespräch mit Jörg Thadeusz.

 

Das Bild zeigt den Schattenriss von Jörg Thadeusz als Cover zum N-JOY Talk-Podcast "Am Rand" © N-JOY / NDR Foto: Friederike Göckeler

Am Rand - "Ich habe drei Jahre lang eiskalt geduscht"

N-JOY -

Der Extremschwimmer André Wiersig will die sieben extremsten Meerengen der Welt durchschwimmen. Im Gespräch mit Jörg Thadeusz erzählt er, warum er drei Jahre in 12 Grad kaltem Wasser geduscht hat.

00:00:50 - Begrüßung von André Wiersig durch Jörg Thadeusz
00:01:50 - An diesen Körperstellen friert man im eiskalten Wasser am meisten
00:03:30 - Was sagen die Kollegen über sein Extrem-Hobby?
00:04:55 -"Ich schwimme im Hallenbad bis zu acht Stunden am Stück"
00:05:53 - So ist André Wiersig zu seinem Extrem-Hobby gekommen

00:09:39 - Die Ocean's Seven - die sieben härtesten Meerengen der Welt
00:14:05 - André Wiersig über seine 53-Kilometer-Strecke auf Hawaii
00:16:00 - Regeln von 1875: Nur Badehose, Badekappe und Brille sind erlaubt

00:18:32 - André Wiersig schwimmt auch nachts durch mehrere tausend Meter tiefes Meer
00:20:00 - "Auf dem offenen Meer bin ich ganz alleine - weit weg von unserem Alltag"
00:20:50 - André Wiersig über Begegnungen mit hochgiftigen Quallen
00:22:50 - "Ich bin nachts kaum beleuchtet, um keine Tiere anzulocken"

00:24:50 - "Ich kann nie abschätzen, wann ich am Ziel bin"
00:26:35 - Mehr als 18 Stunden am Stück auf Hawaii geschwommen
00:27:45 - "Auf dem Rückflug habe ich plötzlich geweint"
00:28:11 - Diese Meerengen hat André Wiersig noch vor sich

 

Karte: Ocean's Seven: Diese sieben Meerengen will André durchschwimmen

Interview: Jörg Thadeusz spricht mit André Wiersig

Jörg Thadeusz: Ich frage mich die ganze Zeit, woran kann man das bei André Wiersig erkennen? Woran kann man erkennen, dass der Mann etwas ganz und gar Extremes macht, was nur ganz wenige Menschen auf der Welt tatsächlich hinbekommen? Er will die sieben Meerengen durchschwimmen. Mehrere Etappen hat er schon geschafft und er ist zu Gast bei uns. Wir werden mit ihm über extremes Schwimmen reden, über die portugiesische Galeere, über Quallenstiche und wie man eigentlich 15°C-kaltes Wasser über 12 Stunden lang aushalten kann.

Der Mensch kommt letztlich aus dem Wasser. Da ist in der Evolution natürlich einiges über Eck gelaufen und es hat auch ein erdgeschichtliches Weilchen gedauert, aber wir sind Wassergeschöpfe. Allerdings bin ich nicht sicher, ob das schon erklärt, was dieser André Wiersig macht. Zuerst einmal ist André Wiersig ein Mann, der in Hamburg einem nachvollziehbaren Beruf als IT-Berater nachgeht, aber in seiner Freizeit wird es extrem. Da geht der 46-jährige Mann ins Wasser, allerdings nicht in irgendein Wasser, sondern in ein sehr kaltes Wasser. Er bleibt da sehr lang drin, denn er ist Off Shore-Langstreckenschwimmer. 12 Stunden, 13 Minuten und 35 Sekunden hat er beispielsweise gebraucht, um den Ärmelkanal zu durchschwimmen. Rund 38 Kilometer, 18.515 Kraulzüge, 25 Züge pro Minute. Und das ist nur eine von sieben Aufgaben. Wer sagen will, er habe die "Ocean's Seven" bestanden, der war vor Japan, vor Schottland, vor der Küste der USA, vor Neuseeland und vor Hawaii in wirklich wildem Meer. André, in diesem North Channel zwischen Schottland und Irland, wo das Wasser nur 13°C warm oder kalt sein soll, bist Du 12 Stunden geschwommen. Wo friert man am Körper am stärksten, wenn man so lange in kaltem Wasser ist?

André Wiersig: Der North Channel hat halt auch im Hochsommer nur Temperaturen von ungefähr 13°C. Das können auch weit draußen noch mal ein paar Grad weniger werden. Wo friert man am meisten? Man hat am Anfang wirklich recht starke Schmerzen in den äußeren Extremitäten. Hände und Füße sterben dann irgendwann ab, darin hat man gar kein Gefühl mehr. Das sind Szenarien, die muss man vorher trainieren, damit man das über so einen langen Zeitraum aushalten kann, leistungsfähig bleibt und vor allen Dingen - das ist immer der Schlüssel - dabei nicht in Panik gerät.

Thadeusz: Man kann diese Szenarien trainieren, sagst Du. Ich weiß, dass Du Dich gelegentlich - wie in diesem berühmten O-Ton von Per Mertesacker - in die Eistonne legst, aber aus ganz anderen Gründen. Der war damals ja überhitzt und ist deswegen in Brasilien bei der Fussball-Weltmeisterschaft in die Eistonne gegangen. Du gehst in die Eistonne, um richtig zu frieren.

Wiersig: Genau, die Fussballer machen das ja auch, weil das die Regeneration beschleunigt. Die gehen aber nur bis zur Hüfte da rein, sie stellen sich da rein. Ich gehe wirklich bis zum Hals da rein, da guckt nur der Kopf oben raus. Ich musste mir halt im Vorfeld überlegen, wie man sich darauf vorbereiten kann. Ich habe zum Beispiel drei Jahre lang ohne Ausnahme nur kalt geduscht und habe gar kein warmes Wasser an mich herangelassen. Ich habe mir dann im Garten unter das Carport eine Regentonne hingestellt, sie mit Grundwasser befüllt und bin dann auch im Winter regelmäßig bis zu 20 Minuten da reingegangen, auch wenn das Wasser dann so um die 0°C hatte.

Thadeusz: Jetzt habe ich schon gesagt, Du gehst einem ganz normalem Beruf als IT-Berater nach. Wenn die Kollegen da über Dich reden oder wenn Du mit Kollegen Kontakt hast, ist es dann eher so, dass sie Fragen stellen oder weißt Du eher, dass sie hinter Deinem Rücken sagen: „Der André ist ein netter Kerl, aber hat so einen Knall da mit der Schwimmerei!“

Wiersig: Ja, also, ich leite das Marketing und den Vertrieb bei uns in der Firma. Das ist immer zwiegespalten. Das kann natürlich nicht jeder nachvollziehen. Die Leute sind interessiert, stellen Fragen und oft merke ich dann, wenn ich anfange zu erzählen, dass sie nach wenigen Minuten schon abdriften und das Kopfkino bei denen losgeht. Jeder kennt das ja, wenn man mit der Familie im Urlaub ist und abends noch mal einen Spaziergang am Strand macht, da kann sich ja jeder vorstellen, was es bedeuten würde, jetzt da raus zu gehen und einfach ins Dunkle ganz alleine raus zu schwimmen. Dafür muss man schon aufgestellt sein. Das kann nicht jeder nachvollziehen. Viele Leute finden es faszinierend, aber es gibt auch durchaus Kritiker und Leute, die das einfach mit Verrücktheit oder Wahnsinn abtun.

Thadeusz: (lacht) Man könnte darauf kommen, André. Das ist ja für viele Leute schwer vorstellbar, dass man tatsächlich so viel arbeitet, so verantwortungsvoll arbeitet, wie Du und dann nebenher ja noch die Zeit finden muss, Schwimmen zu trainieren. Und das reicht ja nicht, dass Du vier Bahnen schwimmst. Wie schaffst Du es, das in Deinen Alltag zu integrieren? Man muss noch dazu sagen, Du bist zweifacher Vater.

Wiersig: Genau. Ja, da muss man halt auch sehr zielorientiert und sehr effizient trainieren. Ich habe nicht so oft die Möglichkeit, aber wenn ich die Möglichkeit habe zu schwimmen, dann sollten das auch viele Stunden am Stück sein.

Thadeusz: Das heißt, Du gehst dann ins Hallenbad und schwimmst wie lange?

Wiersig: Ja, ich schwimme dann vier, fünf, sechs, acht Stunden.

Thadeusz: Im Hallenbad? Aber spätestens da sagen die Leute: Wer ist er denn? Oder kennen die Dich schon?

Wiersig: Ja, mittlerweile kennen einen die Leute ja schon. Die nehmen da auch ein bisschen Rücksicht. Das ist natürlich toll. Wobei ich ein Badegast wie jeder andere bin und da keine Extrawurst bekomme und auch nicht möchte.

Thadeusz: Aber ich stelle mir das so sterbenslangweilig vor, sechs Stunden zu schwimmen. Gehst Du dann zwischendurch mal raus und isst ein paar Pommes oder schwimmst Du einfach die ganze Zeit durch?

Wiersig: Ich schwimme dann meistens Halbe-Stunden-Sets. Ich schwimme dann eine halbe Stunde und mache dann ein oder zwei Minuten Pause und dann wieder eine halbe Stunde.

Die Ursache oder der Anlass für dieses ganze Unterfangen war, dass ein Freund von mir, der ein Haus auf Ibiza hat, mich im Winter eingeladen hat. Ich war dann also im Februar auf Ibiza und habe ihn dort besucht. Ich war da schon häufiger auf Ibiza. Mit meiner Familie machte ich oft Urlaub oben im Norden von Ibiza. Es ist wunderschön dort. Und natürlich hatte ich so ganz selbstbewusst oder fast schon ein bisschen naiv auch Schwimmsachen eingepackt und bin dann zu dem Strand gefahren, an dem wir als Familie im Sommer oder Herbst oft sind und war der Meinung und der festen Überzeugung, ich würde jetzt gleich ins Wasser gehen. Da draußen gibt es so eine Boje, die liegt ungefähr 400 Meter vom Strand entfernt. Da schwimme ich im Sommer oder im Herbst gerne mal hin, da kann man so ein bisschen dem Strandleben für ein paar Minuten entkommen. Die Boje kann man runter drücken, sich dann drauf setzen und sich das ganze Treiben ein bisschen angucken. Das hatte ich an dem Tag im Februar auch vor und ich bin dann ins Wasser gegangen und ich war total schockiert von dieser Kälte. Also, wer schon mal in 12, 13 oder 14°C-kaltes Wasser rein gestiegen ist, der kann das nachvollziehen. Das raubt einem wirklich den Atem. Das nimmt einem wirklich alles, alle Selbstsicherheit, man hat wirklich Angst. Das tut natürlich auch weh, die Füße sterben ab. Ich habe mich selber dabei beobachtet und habe es nicht geschafft - ich bin wirklich bis zum Hals reingegangen und habe auch ein paar Minuten ausgeharrt - habe es aber nicht geschafft, mich abzustoßen, geschweige denn einen Meter zu schwimmen. Das war in der Situation vielleicht auch gut so. Ich bin dann völlig frustriert wieder abgezogen und habe dann einen kleinen Pakt mit mir selber geschlossen. Wie schaffe ich das, in so einem kalten Wasser, eine Distanz von 400 Metern zu schwimmen? Dann bin ich nach Hause und habe mir gesagt, ab jetzt drehst Du jedes Mal beim Duschen die letzten 20 Sekunden auf kalt und lässt das Wasser über Deinen Kopf laufen. Das habe ich dann den ersten Monat so gemacht und dann habe ich das gesteigert. Im zweiten Monat habe ich das dann 40 Sekunden gemacht, dann 60 Sekunden und ab dem vierten Monat habe ich nur noch kalt geduscht. Ausnahmslos. Dann habe ich mir im folgenden November diese Regentonne gekauft und installiert. Alle haben mich zum Narren gehalten. Jedenfalls, ein Jahr später, wieder Februar, wieder der Strand, ich wieder auf Ibiza, ganz alleine, Badehose. Ja, und dann bin ich da rein, es war immer noch kalt ... Das muss man dazu sagen: Man gewöhnt sich nie daran. Man kann machen, was man will. Ich war der erste Deutsche, der durch diesen North Channel geschwommen ist. Man gewöhnt sich nie daran. Es ist immer kalt.

Thadeusz: Das liegt schlicht daran, dass der Körper daran interessiert ist, eine 37°C-Temperatur aufrecht zu erhalten, woran er gehindert wird, wenn die Umgebung auf der Haut so kalt ist.

Wiersig: Das fängt ja schon an, bevor man überhaupt angefangen hat. Also, wenn man in so ein kaltes Wasser reingeht, dann sagen einfach alle Stimmen und Signale in einem selber: "Pass auf! Du muss sofort da wieder raus!" Das ist ja auch eine Todeszone. Ähnlich wie wenn man oben auf dem Mount Everest steht, wo der Sauerstoffgehalt so niedrig ist - so ist ja solch eine Umgebung da draußen mit den Temperaturen und man selber nur in der Badehose, das ist ja auch eine Todeszone, in der es nur in eine Richtung geht. Es geht ja nur in die Richtung, irgendwann zu unterkühlen. Normale Menschen, habe ich mir sagen lassen, halten zwischen 30 und 90 Minuten bei solchen Temperaturen durch. Ich habe jetzt 12 Stunden, 15 Minuten durchgehalten. Das zeigt ja auch, wo man sich hinbringen kann, wenn man sich entsprechend vorbereitet und die richtige Einstellung findet.

Thadeusz: Jetzt machen wir da einen großen Sprung, André, damit wir uns das von Dir noch schön beschreiben lassen können. Die "Ocean's Seven", das sind sieben Meerengen auf der Welt, die Straße von Gibraltar, eine Strecke vor Japan, eine Strecke vor Kalifornien. Und eine Strecke, die wir schon kurz besprochen haben, nämlich zwischen Schottland und Irland. Worüber ich jetzt gerne ausführlicher reden würde, ist diese Sache auf Hawaii, zwischen den Inseln O'ahu und Moloka'i. O'ahu ist die Hauptinsel, wo man landet. Es sind 53 Kilometer. Diese Passage insbesondere gilt als sehr, sehr hart. Jetzt machst Du Dich auf den Weg. Wir erinnern uns, Du hast angefangen mit dem Kaltduschen und der Verzweiflung auf Ibiza. Dann kommt aber irgendwann der Tag, an dem Du Dein Gepäck packst und sagst: "Jetzt fliege ich nach Hawaii, um zwischen diesen beiden Inseln herum zu schwimmen, weil ich ja die Ocean's Seven mache." Dann ist mit Dir dabei: Dein Schwager.

Wiersig: Ja, mein Schwager Jürgen.

Thadeusz: Mit ihm checkst Du ein. Wenn Du dann in das Flugzeug einsteigst - nach Hawaii fliegt man mindestens 24 Stunden - bist Du dann die ganze Zeit schon angespannt, weil Du denkst: "Ach Du Scheiße, ob das wohl klappt. 53 Kilometer!"

Wiersig: Nein, ich bin von Natur aus nicht der Typ, der so nervös wird. Ich habe auch meine ganze Familie mitgenommen. So habe ich das meiner Frau übrigens auch verkauft, als Familienurlaub. Ich habe mir auch überlegt, wie kriegst Du das hin? Ich war schon mal zum Iron-Man auf Hawaii und fand es so wunderschön da, auch die Leute und den Pazifik und alles. Dann musste ich mir halt überlegen, wie bekommst Du Deine Frau dazu, mal wieder nach Hawaii zu fliegen? Dann habe ich ihr so ein Projekt verkauft und es hat auch funktioniert. "Das ist so ein Familienurlaub, aber Papa geht zwischendurch dann halt eine Runde Schwimmen."

Thadeusz: (lacht)

Wiersig: Das, was ich tue, muss man sich vorstellen, wie Extrem-Bergsteigen, wie eine lange Wanderung. Man muss halt die richtige Einstellung finden, die findet man nicht erst, wenn man dort ankommt. Entweder man hat das wirklich vorher visualisiert und ist wirklich von Selbstsicherheit erfüllt oder nicht. Wenn man es nicht ist, dann kann man so etwas auch nicht zu Ende bringen.

Thadeusz: Jetzt stellen wir uns mal den Familienurlaub vor. Und dann kommt der Tag X, wo ... ja, was denn passiert? Wie läuft das dann, André? Dann ist die Familie außen vor? Dann sagst Du zu dem Jürgen, Deinem Schwager: "Jürgen, morgen 8.00 Uhr!" Oder wie läuft das dann?

Wiersig: Genau. Also, wenn man vor Ort ist, hat man ein Zeitfenster. Auch wieder ähnlich, wie die Leute, die auf dem Everest im Basislager sind, dort zelten und campieren. So sind wir halt vor Ort und sind in Abstimmung mit dem Kapitän, wir checken das Wetter ...

Thadeusz: Welcher Kapitän?

Wiersig: Der Kapitän des Begleitbootes in dem Fall. Man schwimmt ja nicht ganz alleine, sondern auch mein Schwager ist ja auf einem Begleitboot. Da sind immer Kapitäne, meistens Fischer, die dort vor Ort ansässig sind, die sich mit den Verhältnissen vor Ort im jeweiligen Kanal sehr gut auskennen.

Thadeusz: Sagt denn der Fischer dann nicht zu Dir: "Pass mal auf, Deutscher! Du hast einen Knall! Wieso willst Du da durch schwimmen? Das ist viel zu weit!"

Wiersig: Nein, das sind schon Leute, die so etwas schon länger machen, auch dort gewisse Erfahrungen mitbringen, dass das Schiff auch auf so etwas vorbereitet ist. Denn man muss ja natürlich langsam fahren, die ganze Navigation muss vorhanden sein. Auf Hawaii ist das nicht so der Punkt, aber im Ärmelkanal hat man starken Schiffsverkehr, mit Containerschiffen und dergleichen, die müssen dann Funkverkehr halten. Das sind schon Leute, die speziell ausgebildet und erfahren sind in dem Bereich.

Thadeusz: Hörst Du die dann, wenn Du im Wasser bist, die ganze Zeit tuckern?

Wiersig: Nein. Auf Hawaii beispielsweise ist es so, dass die Wellen dort so hoch sind, dass das eigentliche Begleitboot, was natürlich motorisiert und mit GPS und allem ausgestattet ist, nicht unmittelbar neben einem her fahren kann. Man hat zusätzlich noch einen Kajakfahrer. Ich als Schwimmer orientiere mich an dem Kajakfahrer und der Kajakfahrer orientiert sich an dem Boot. Bei ruhigeren Gewässern, wie zum Beispiel im Ärmelkanal hat man keinen Kajakfahrer dabei. Da schwimmt man wirklich neben dem Begleitboot her.

Thadeusz: Und jetzt kommt der Punkt am Anfang. Du gehst am Strand ins Wasser und da ist der Jürgen noch und sagt: "André, mach's gut!" oder wie läuft das?

Wiersig: Also, man muss sich das so vorstellen: Die Hawaii-Inseln liegen ja gar nicht so weit auseinander. Ich bin zwar 53 Kilometer geschwommen, aber die Luftlinie liegt bei 44 Kilometern. Jetzt ist es so: Es gibt keine Fährverbindung, es gibt keinen Schiffsverkehr zwischen den Inseln, das wird alles per Flugzeug gemacht. Warum? Weil die Wellen dort so hoch sind, das normale und auch größere Schiffe das gar nicht können. Man macht das alles per Flugzeug. Wir haben am Vormittag mit dem Kapitän telefoniert und das Zeitfenster festgelegt - mit dem Wetter, das passt einigermaßen. Wir starten in der Nacht. Meinen Schwager haben wir dann beim Boot abgegeben. Wir haben vorher natürlich die ganzen Vorräte eingekauft. Das ist auch etwas, was man lernen muss und was man halt unbedingt auch beherzigen muss. Man hat an Verpflegung nur das dabei, was tatsächlich auf dem Boot ist. Man kann ja nicht zwischendurch an irgendeiner Tanke anhalten und mal eben was nachladen. Wir haben also am Tag vorher die ganzen Vorräte eingekauft, gegen Mittag ist mein Schwager Jürgen dann zum Hafen aufgebrochen, hat das Boot beladen und ist mit dem Kapitän dann am Abend losgefahren. Ich bin mit den beiden Kajakleuten und dem Kameramann, den wir dabei hatten, mit dem Flugzeug nach Moloka'i geflogen - das ist nur ein Flug von ungefähr einer halben Stunde. Dann sind wir mit dem Taxi runter an den verabredeten Strand, wo das Boot ungefähr 500 bis 600 Meter vor der Küste gelegen hat. Ja, und dann geht es los.

Thadeusz: Diese Kajakleute sind natürlich auch Hochsee-Kajakleute, die das auch können. Dann geht es los. Dann lässt Du Dich in das kalte Wasser. Du trägst eine Badehose, eine Badekappe und eine Brille. Das war es. Und man darf ein bisschen Vaseline unter die Arme machen. Diese Regeln legt das "Ocean's Seven-Reglement" fest.

Wiersig: Genau. Man schwimmt nach den Regeln, die 1875 schon für Captain Matthew Webb gemacht wurden. Das war der erste Mensch, der durch den Ärmelkanal geschwommen ist und genau nach diesen Regeln schwimmt man. Man darf das Begleitboot nicht berühren, keine anderen Hilfsmittel verwenden, man schwimmt eben nur in Badehose. In Hawaii ist es wirklich kuschelig warm im Verhältnis zum North Channel. Bei den anderen Kanälen innerhalb der Ocean's Seven ist die Wassertemperatur schon eine Herausforderung. Man startet von trockenem Land aus und muss auch selbstständig und ohne Hilfe das andere Land erreichen, also selber aus dem Wasser gehen.

Thadeusz: Jetzt hast Du vorhin schon gesagt, dass das eine sportliche Herausforderung ist. Die Kalorienanzahl liegt im 5-stelligen Bereich, die Dein Körper dabei verbrennt. Trotzdem hast Du auch gesagt, dass ein großer Anteil die mentale Herausforderung ist. Das kann ich mir vorstellen. Ich erinnere mich daran, ich bin ein Marathon gelaufen und habe nach 5 Kilometern gedacht, ich habe keinen Bock mehr. Da waren noch 38 Kilometer sehr, sehr unangenehm. Anders als beim vorherigen Lauf, bei dem ich dachte: "Oh super, dass ich teilnehmen darf und toll mit den Leuten, die hier klatschen!" Das ist die Sache, die hier bei Dir offenbar noch viel extremer ist. Denn Du bist in diesem Wasser, es ist unangenehm und trotzdem schwimmst Du weiter. Wie kann man das machen? Kannst Du das mit Liedern machen? Sind das irgendwelche Reime, die Du Dir aufsagst? Ist das so eine Art Selbstaufforderung: "Komm André, jetzt gib nicht auf! Das wird so toll, wenn Du ankommst! Du bist einer der Bezwinger der Ocean's Seven!"

Wiersig: Das beginnt eigentlich schon beim Start. Vielleicht kurz noch mal zurück zu Hawaii. Man muss sich das vorstellen, die Kajakleute sind dann zum Boot gefahren und ich stand da wirklich ganz alleine an diesem Strand in Moloka'i und das ist nicht wie Waikiki Beach oder so. Da ist niemand, das ist eine ganz abgelegene Insel. Dieser Strand, an dem wir gestartet sind, da war wirklich weit und breit kein Mensch, kein Licht. Wer schon mal auf Hawaii war, der weiß, da gibt es auch kein Restlicht. Es ist wirklich zappenduster. Man hat nur ein paar Sterne, die oben leuchten, das ist alles. Wir hatten dann noch extremen shorebreak, wir hatten Wellen, die vorne am Strand so zwischen zweieinhalb und dreieinhalb Meter hoch waren. Wer das schon mal erlebt hat, das ist natürlich auch imposant. Die Wellen, die knallen da wirklich rein. Das ist ein Wahnsinns-Getöse, da versteht man wirklich sein eigenes Wort nicht. Da geht man halt raus und schwimmt durch diese Brandung zum Boot, in dem Fall zum Kajakfahrer. Und dann hat man diesen langen Weg vor sich, eben in dieser völligen Dunkelheit, denn das Meer ist halt auch rabenschwarz. Ich schwimme ja teilweise durch Wassertiefen von mehreren tausend Metern. Das ist einfach nur dunkel, schon tagsüber ist es einfach ganz tief blau, aber nachts ist es komplett rabenschwarz. Die Leute meinen dann immer, man kennt das ja vom Joggen oder vom Radfahren, da kann man sich ablenken mit der Umgebung, mit den Leuten, an denen man vorbeiläuft ... das hat man natürlich alles nicht. Man ist vollkommen isoliert und nachts natürlich noch mehr. Man hat überhaupt keine Ablenkung.

Thadeusz: Musstest Du, beispielsweise bei dieser Tour, immer gegen die Wellen an schwimmen oder waren die Wellen vor allen Dingen an der Küste so stark?

Wiersig: Die Wellen draußen sind nicht wie die, die man kennt, wenn man vorne am Strand steht, dass sie so schön nacheinander rein laufen, sondern sie sind auch teilweise gegenläufig. Sie laufen praktisch gegeneinander. Man wird richtig herum geschleudert und fliegt teilweise auch wirklich richtig durch die Gegend. Jetzt denken wahrscheinlich viele Leute, ich spinne, aber mir gefällt das richtig gut. Und ich schwimme auch nicht gegen die Wellen, ich schwimme immer mit. Man schwimmt wirklich bergauf, bergab, man wird teilweise auf die Seite geschmissen. Auch das ist wieder eine Einstellungsfrage. Bin ich dagegen und rege mich darüber auf? Dann ist das echt eine Depressionsstrategie. Ich bleibe immer positiv, nicht weil ich es muss, sondern für mich ist das ein ganz tolles Privileg, da draußen zu sein.

Thadeusz: Du hast das schon mal formuliert, Du hast gesagt, das ist eine Ehre für Dich, Dich auf dem offenen Meer zu bewegen. Warum ist das eine Ehre, André?

Wiersig: Ich werde immer ganz emotional (lacht), wenn ich darüber rede. Man ist halt ganz alleine da, man ist so weit weg von dem, wie wir alle tagtäglich unseren Lebensmittelpunkt bestreiten. Großstädte, Menschen, S-Bahnen, Autoverkehr, was auch immer, die ganzen Leute, mit denen wir uns umgeben, die Gebäude, in denen wir ein und ausgehen ... und da ist man auf einmal so ein Teil von diesem riesigen Organismus. Das macht einen natürlich auch demütig, aber es ist einfach wunderschön.

Thadeusz: Du hast eine portugiesische Galeere getroffen. Da werden jetzt einige Leute sagen, das ist ja schön, er sieht Schiffe. Das ist natürlich kein Schiff, sondern, was ist eine portugiesische Galeere, die Du genau auf dieser Tour auch getroffen hast?

Wiersig: Portugiesische Galeeren sind Quallenarten, die im Ranking der giftigsten Quallen auf Platz 2 rangieren. Die kommen direkt hinter der Würfelqualle. Das kann man bei Wikipedia nachlesen, das ist für einige Leute auch wirklich tödlich, von so einer Qualle gestochen zu werden. Ich habe irgendwann gar nicht mehr mitgezählt, aber es waren über zehn Stiche, die ich abbekommen habe, das erste Mal auf Hawaii nach einer guten halben Stunde in völliger Finsternis. Ich war so schockiert, weil man natürlich darüber gelesen hat, man hat sich auch in gewisser Weise damit beschäftigt, aber so etwas kann man nicht trainieren. Ich habe sie am Arm abbekommen und da man ja nichts sieht und nicht weiß, was das ist ... Ich war so schockiert, ich habe wirklich gedacht, mir hätte irgendetwas den Arm abgebissen, sodass ich erst mal intuitiv an den Oberarm gefasst habe und das abgedrückt habe, weil ich wirklich dachte, mein Arm sei ab. Dann habe ich aber gesehen, dass er noch da ist und habe mir dann diese Fäden, diese Tentakeln abgezogen. Die kleben richtig am Arm. Dieser Schmerz ist wirklich völlig betäubend.

Thadeusz: Und was bleibt dann davon zurück? Wenn man das abgezogen hat, ist dann da eine Wunde?

Wiersig: Man hat ein paar Blessuren, die verschwinden aber nach einer Zeit. Was wirklich länger dauert, ist das Taubheitsgefühl. Ich hatte in den Fingerkuppen vom Abziehen der Nesseln monatelang gar kein Gefühl und konnte mir meine Hemden und meine Hosenknöpfe über mehrere Wochen hinweg gar nicht richtig zu machen, als ich schon längst wieder zuhause war, weil es so lange braucht, bis der Körper sich regeneriert und das ganze Gift abgebaut ist.

Thadeusz: Damit Du überhaupt irgendeine Orientierung hast, auch in diesen gegenläufigen Wellen, sind diese Kajakfahrer da, die eine Art Licht haben, oder?

Wiersig: Ja, da muss man aufpassen, das ist auch so ein Punkt. Man kann ja nicht irgendwie rum funzeln mit allen möglichen Leuchten und mit Licht. Man muss schon aufpassen, dass man ein bisschen unter dem Radar schwimmt. Denn wenn man anfängt, großartig mit Licht zu hantieren, dann lockt das alles Leben um einen herum an und das möchte man nicht unbedingt. Also, ja, Licht, ich habe selber als Schwimmer ein ganz kleines Licht, ein Knicklicht hinten an der Schwimmbrille am Kopf, damit die anderen sehen, wo ich bin. Das Kanu hat auch ein paar von diesen Knicklichtern, aber es ist alles sehr spärlich. Aber das ist Absicht und auch aus gutem Grund. Das Kajak sieht man oft auch nicht, weil es aufgrund des hohen Wellenganges gerade auf Hawaii oft  drei Meter höher ist, als man selber, weil man gerade im Wellental ist oder umgekehrt. Man hat manchmal über mehrere Minuten das Gefühl, dass man ganz alleine ist und da ist es auch wieder wichtig, einfach Ruhe zu bewahren. Das ist der wichtigste Schlüssel dabei. 

Thadeusz: Und wie ist das jetzt, wenn Du den Jürgen siehst?

Wiersig: Wir machen diese Pausen, diese "Feedings", das läuft alles recht schnell ab. Das sind Stopps zwischen 30 und maximal 60 Sekunden, wo ich meistens Flüssignahrung zu mir nehme, die Jürgen mir an einem langen Kescher angibt. Da ist ein Behälter drin, den hole ich mir aus dem Kescher raus, weil ich mich ja auch nicht mal an dem Kescher festhalten darf. Dann trinkt man das ganz schnell und schwimmt dann direkt weiter. Manchmal gibt Jürgen mir noch ein paar Kommandos oder sagt mir noch etwas, aber ich bin nicht der Typ, der dann Anfeuerungen gebrauchen kann oder den man irgendwie noch extra motivieren muss. Und außerdem bin ich auch einer der Leute in diesem Metier, ich frage nie, wie weit es noch ist oder wie lange noch. Denn aus der Erfahrung heraus kann einem das sowieso keiner sagen. Wenn man die Strömung dann gegen einen hat, kann auch die Strecke zum Land, das womöglich direkt vor einem liegt, noch Stunden dauern, weil man halt gegen eine Strömung an schwimmen muss.

Thadeusz: Wann hast Du denn dann eine Ahnung davon, dass Du bald da bist?

Wiersig: Gar nicht! Das habe ich mir wirklich vollkommen abgewöhnt. Ich lege sowieso alle Erwartungen, die ich habe, komplett ab. Selbst, wenn ich wirklich kurz vor dem Land bin und das Land wirklich sehe: Ich rechne mir nie vor, dass ich gleich da bin. Weil ich aus der Erfahrung einfach gelernt habe. Wir haben in Japan für die letzten 4.000 Meter, für die ich normalerweise in einem Schwimmbad irgendwie knapp eine Stunde brauche, sechs Stunden gebraucht.

Thadeusz: Wegen der Strömung.

Wiersig: Ja, sechs Stunden schwimmt man Vollgas und kommt nur 300 Meter pro Stunde voran. Das muss man erst mal wegstecken.

Thadeusz: (lacht) Wie ist das, wenn Du dann aus dem Wasser kommst? Wie war das auf Hawaii, als Du aus dem Wasser kamst?

Wiersig: Das ist nicht so, wie man sich das als Marathonläufer vorstellt, wo man ja im Ziel begrüßt wird, tausende von Menschen mit Musik ...

Thadeusz: … wobei, das ist der Teil, den die Marathon-Bewegung immer gerne dazu erzählt, als sei das alles eine einzige Fiesta. Tatsächlich ist es so, dass da ganz viele Leute kollabieren, Leute erbrechen sich, Leute fassen sich an die Brüste, weil sie diese blutenden Stellen haben. Das vergisst man immer so leicht, weil alle Leute so tun, als sei das ein Volkssport. Ist es ja nicht wirklich. Aber das was Du machst, ist etwas ganz anderes. Das ist eine ganz andere Stufe. Also, wenn ist nicht so ist, wie beim Marathon, wenn es nicht triumphal ist, wenn es nicht von Fanfarenstößen begleitet ist, André, wie ist es dann nach 13 Stunden, aus dem Wasser zu kommen?

Wiersig: Man ist natürlich erleichtert, froh, aber man hat nicht diese Euphorie. Man hat kein Adrenalin, weil einfach nichts mehr übrig ist.

Thadeusz: Es waren 16 Stunden, 26 Minuten.

Wiersig: Ich bin auf Hawaii sogar 18 ½ Stunden geschwommen. Auf Hawaii war natürlich diese schöne Situation. In der Regel, wenn ich irgendwo ankomme, wie jetzt in Japan, da ist niemand. Ich komme ja auch an Küstenabschnitten an, da sitzt man nicht mit Cocktail-Schirmchen und so was, ich schwimme ja an Ecken, da geht man normalerweise nicht zum Badeurlaub hin. Aber auf Hawaii war diese tolle Situation, dass meine Familie da war, die auf der anderen Seite gewartet hat. Das war natürlich eine schöne Geschichte. Man ist erleichtert, froh, dass man es geschafft hat, dass man gesund ist, naja halbwegs. Man sieht fürchterlich aus.

Thadeusz: Das habe ich mich gefragt. Wie sieht das aus? Sieht man so aus, als hätte man 18 Stunden in der Badewanne gelegen?

Wiersig: Ja, ja, genau, aber mit Kopf unten in der Badewanne.

Thadeusz: Also, Du bist dann total aufgedunsen?

Wiersig: Ja. Ich bin ja sowieso nicht so der Hübscheste, aber dann siehst Du wirklich noch schlimmer aus.

Thadeusz: (lacht) Das heißt, die Haut ist komisch, oder?

Wiersig: Ja, man ist völlig aufgequollen, das ist alles geschwollen, aufgedunsen.

Thadeusz: War Deine Frau nicht erschrocken?

Wiersig: Die kennt das ja schon. Ich habe ja das Glück, dass mich meine Frau jetzt nicht unbedingt wegen meines Aussehens geheiratet hat (lacht), das muss irgendetwas anderes sein.

Thadeusz: Die Leute im Flugzeug haben gedacht, wie sieht er denn aus.

Wiersig: Ja, genau. Man ist schon ganz schön gezeichnet. Gerade in Hawaii hatte ich ein paar üble Flashbacks, gerade im Flugzeug. Zum Beispiel hat mich auf der Heimreise die Stewardess gefragt, was ich trinken wollte und ich habe einfach einen Weinanfall bekommen und musste aus dem Nichts heraus ganz schrecklich anfangen zu weinen und konnte mich gar nicht mehr beruhigen. Und die Stewardess wusste natürlich gar nicht, was los ist, die war völlig irritiert. Man ist dann auch mental schon sehr mitgenommen.

Thadeusz: Jetzt stehen, glaube ich, noch die Straße von Gibraltar und die Cook Strait in Neuseeland aus. Sind das harmlosere Aufgaben? Ich glaube, die Straße von Gibraltar ist nicht so breit. Da ist viel Schiffsverkehr, eine der meist befahrenen Schiffswege, wenn ich das richtig weiß.

Wiersig: Genau. Die Straße von Gibraltar, rund 14 Kilometer, ist jetzt innerhalb dieser Ocean's Seven auf jeden Fall nicht die härteste Strecke, sondern eher die leichteste, wobei man auch nichts unterschätzen darf. Und gerade ich muss jetzt auch aufpassen. Es gibt Leute, die träumen oder die arbeiten darauf hin, einmal in ihrem Leben von Europa nach Afrika zu schwimmen. Dann möchte ich jetzt auch nicht hier sitzen und sagen, das mache ich mal eben aus dem Ärmel. Aber natürlich ist es im Vergleich zur Tsugaru-Straße in Japan oder Kaiwi Channel auf Hawaii nicht so schwer. Neuseeland sieht schon ein bisschen anders aus. Das ist schon eine echte Herausforderung. Das ist mit die stürmischste Meerenge der Welt. Es gibt sehr, sehr viele Haie dort, weil man dort Pinguine und Delphine hat. Es gibt die Würfelqualle, die im Ranking an Nummer Eins steht, die ist noch mal eine andere Kategorie als die portugiesische Galeere. Man tut gut daran, jede Aufgabe wirklich absolut ernst zu nehmen und sich entsprechend vorzubereiten.

Thadeusz: Ich habe mir das vorgestellt, wie so ein Bettbezug, der unter Dir hergezogen wird, damit Du nicht für Haie als potentielle Beute erscheinst.

Wiersig: Genau, das ist ein sogenannter Streamer. Das war jetzt in Japan der Fall. Da haben sie so einen Streamer neben dem Boot hergezogen, das ist wie so eine Art Sichtschutz. Man muss sich das vorstellen, wie ein 15 Meter langes Bettlaken, was ungefähr drei Meter breit ist, wo man drüber schwimmt. Das läuft so in 2 bis 3 Meter Wassertiefe mit. Man schwimmt darüber, um halt von den Haien von unten nicht so wahrgenommen zu werden.

Thadeusz: Wann hattest Du zuletzt überhaupt keinen Bock zu schwimmen?

Wiersig: Och, ich habe eigentlich immer Lust zu schwimmen. Das ist auch ein Teil meiner Vorbereitung, dass ich mental schwimme. Wenn ich so nicht schwimmen kann, zum Beispiel wenn ich in Berlin bin und die Straße runtergehe, dann schwimme ich einfach im Kopf und gehe gar nicht.

Thadeusz: André Wiersig, vielen Dank und ganz viel Glück - das werden wahrscheinlich nicht die letzten Herausforderungen - aber für die beiden Herausforderungen, die Du noch schaffen musst, um zu der Ocean's Seven-Gemeinschaft zu gehören. Vielen Dank.

Wiersig: Danke, danke dafür.

 

Dieses Thema im Programm:

N-JOY | 23.09.2018 | 21:00 Uhr

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