Stand: 31.07.2019 19:00 Uhr

Krieg im Kopf: Roberts Kampf gegen das Trauma

Robert Sedlatzek-Müller war in Krisengebieten im Einsatz und musste mit ansehen, wie Kameraden sterben. Jahrelang hat er diese und andere Kriegssituationen im Kopf immer wieder durchlebt. Diagnose: Posttraumatische Belastungsstörung. In "Eine Stunde, ein Leben" hat er uns seine Geschichte erzählt.

Ein falsches Geräusch im Supermarkt, eine falsche Bewegung in der Fußgängerzone und die schlimmen Erinnerungen sind wieder da. Schlimmer noch: Sie fühlen sich so real an, als würde die traumatische Situation noch mal passieren. Im Kopf. Wieder und wieder.

Einer der Menschen, der dies über viele Jahre durchmachen musste, ist der 42-jährige Berufssoldat Robert Sedlatzek-Müller. Er hatte eine Posttraumatische Belastungsstörung - kurz: PTBS. Doch herauszufinden, was mit ihm los war, hat Jahre gedauert.

"Ich war ein Adrenalin-Junkie"

Roberts Geschichte beginnt 1998: Er wird von der Bundeswehr eingezogen - und bleibt über seine Wehrpflicht hinaus. Schon im darauffolgenden Jahr bricht er zu seinem ersten Auslandseinsatz auf: Er geht in den Kosovo. Später ist Robert auch mehrfach in Afghanistan im Einsatz. Er ist als Fallschirmjäger und Infanterist im Einsatz. Mit seinem Diensthund Idor hilft er, Minen zu beseitigen. Robert gehört zum "Vorauskommando". Er und seine Kameraden sind vor Ort, bevor alle anderen kommen. Im Ausland erfährt er viel Gastfreundschaft - kommt aber auch mit Gewalt in Kontakt.

Wir haben Razzien gemacht, Kriegsverbrecher gejagt - Situationen, in denen man Gewalt anwendet. Man stumpft ab. Robert Sedlatzek-Müller im N-JOY Interview

Er sei ein Adrenalin-Junkie gewesen, sagt Robert heute: "Wenn es hieß, dass wir rausfahren, habe ich mich immer freiwillig gemeldet."

Robert musste Kameraden sterben sehen

Das Jahr 2002: Robert ist dabei, als Kameraden eine Rakete entschärfen. Doch etwas geht schief. Robert ist in der Nähe der Rakete, als sie explodiert. Er muss mit ansehen, wie einige seiner Kameraden sterben. Wie durch ein Wunder überlebt er und wird schwer verletzt nach Deutschland ausgeflogen.

Wie Robert heute glaubt, hat dieser Moment entscheidend zu seiner späteren Krankheit beigetragen.

Robert wird aggressiv und entfremdet sich von seiner Familie

Robert Sedlatzek-Müller im Bundeswehr-Afghanistan-Einsatz im Jahr 2005 in Kabul.

In Deutschland bekommt er die Diagnose: Trauma. Die beste Therapie, um die Erlebnisse zu verarbeiten, sei, so sein behandelnder Arzt bei der Bundeswehr: Zurück in den Krieg gehen. Also geht Robert. 2003 und 2005 ist er erneut in Afghanistan im Einsatz.

Doch Robert verändert sich. "Ich habe angefangen, alleine zu leben. Ich bin nicht mehr nach Hause gefahren, hatte ständig Schlägereien mit Türstehern. Es gab einfach nur noch Stress." Auch unter seinen Kameraden gilt er als "der Durchgeknallte, der immer gleich aggressiv wird". Robert zieht sich zurück. Denkt, die anderen würden spinnen: "Ich habe das Problem nicht bei mir gesehen."

PTBS: Stress für die Seele - und den Körper

Jahrelang lebt Robert mit einer Krankheit, die er nicht versteht. Selbst einkaufen wird für ihn zum Horrorszenario.

Supermärkte sind für schwer traumatisierte Soldaten No-Go-Areas. Ich musste ständig alles um mich herum beobachten: Welche Autos stehen wo? Welches Kennzeichen? Welche Leute steigen ein und aus? Wer kann mir feindlich gesonnen sein? Und dann reicht ein Geruch oder ein schreiendes Kind, dass man sofort aggressiv wird. Berufssoldat Robert Sedlatzek-Müller

Robert ist irgendwann zu schwach, um aggressiv zu werden. Sein Körper ist durch den psychischen Stress am Ende: Schlafstörungen, blutender Ausschlag, Essstörungen. Eines Tages erleidet er im Supermarkt einen Zusammenbruch. "Das Letzte, an das ich mich erinnern kann: Ich habe den Einkaufswagen einfach ins Regal geschleudert und anschließend hilflos auf einer Holzpalette gesessen."

Diagnose: Posttraumatische Belastungsstörung

Die Einsicht, dass er krank ist, hat Robert seinem Hund zu verdanken. "Mein treuer Diensthund Idor hat mich gebissen. Er wollte eigentlich nur gestreichelt werden und ich wurde aggressiv. Ich wollte ihn gegen meinen Spind schleudern, wollte ihn nicht streicheln. Ich wollte diese Nähe nicht."

Als erfahrener Hundeführer weiß Robert: In der freien Natur würde das rangniedrigere Tier das Alphatier niemals beißen - es sei denn, das Alphatier ist alt oder krank. "Da habe ich erst mal Rotz und Wasser geheult. Ich wusste auf einmal, dass mit mir etwas nicht stimmt."

2009, vier Jahre nach seinem letzten Auslandseinsatz, begibt sich Robert in ein Hamburger Krankenhaus.

Dort war eine Ärztin, die fragte: 'Haben Sie Stress?' Ich bin zusammengebrochen und habe geweint. Ich habe gesagt: 'Ich kann nicht mehr.'

Robert weiß, dass die Ärztin das einzig Richtige macht: Sie weist ihn in die Psychiatrie ein.

Weitere Informationen

Was ist eine PTBS?

Eine "Posttraumatische Belastungsstörung" ist eine verzögerte psychische Reaktion auf ein extrem belastendes Ereignis oder eine Situation außergewöhnlicher Bedrohung. Das erlebte Trauma kann zum Beispiel ein schwerer Unfall, ein Gewaltverbrechen, eine Naturkatastrophe oder ein Kriegserlebnis sein.

Ein typisches Symptom der PTBS ist, dass Betroffene die Situation immer wieder erleben - zum Beispiel in Form von Flashbacks. Gleichzeitig wirken Betroffene gegenüber ihrem Umfeld oft emotional abgestumpft und gleichgültig. Hinzu können Schlafstörungen, Reizbarkeit und Konzentrationsprobleme, erhöhte Wachsamkeit und ausgeprägte Schreckhaftigkeit kommen.

Acht Jahre PTBS-Therapie: "Reden hilft!"

Die Therapie dauert fast acht Jahre. Acht Jahre, in denen Robert lernen muss, über seine Gefühle und Erlebnisse zu sprechen. Sich zurück ins Leben zu kämpfen.

Mittlerweile kämpft Robert für andere Betroffene: Er hat ein Buch über sein "Leben nach dem Überleben" geschrieben und engagiert sich dafür, dass PTBS als Berufskrankheit anerkannt wird, dass Politik und Gesellschaft nicht wegschauen - damit es auch betroffenen Kameraden leichter fällt, über ihre Gefühle und Erlebnisse zu sprechen.

In der Therapie habe ich gelernt, dass man darüber sprechen muss. Und dass Reden tatsächlich hilft.

Robert Sedlatzek-Müller gilt als austherapiert - doch einen Wunsch hat er für sich selbst noch: Endlich wieder normal schlafen zu können. Das hat er seit seinen traumatischen Erlebnissen bis heute nämlich nicht mehr getan.

Weitere Informationen

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NDR Info

Webportal des privaten Vereins. Unter anderem mit Informationen zur PTBS-Hotline der Bundeswehr sowie weiteren Beratungsangeboten. extern

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Dieses Thema im Programm:

N-JOY | Der N-JOY Nachmittag mit Nina und dem Haacke | 31.07.2019 | 18:00 Uhr

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