Stand: 29.08.2018 19:26 Uhr

Lügen, Schulden, Scham: Mario und die Glücksspielsucht

Mario war abhängig von Glücksspiel-Automaten. Das Ergebnis: 36.000 Euro Schulden und ein riesiges Lügenkonstrukt. In "Eine Stunde, ein Leben" erzählt er seine Geschichte.

In Deutschland leiden etwa 180.000 Menschen an Glücksspielsucht, weitere 326.000 Menschen zeigen ein "problematisches Spielverhalten". Die meisten von ihnen spielen an Spielautomaten - in Spielhallen, in Kneipen, im Imbiss um die Ecke.

Für die Glücksspielbranche ist das ein lohnenswertes Geschäft: Im Jahr 2016 lag der Umsatz (Spieleinsätze) auf dem legalen deutschen Glücksspielmarkt laut der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen bei mehr als 45 Milliarden Euro.

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Eine Stunde, ein Leben: Mario und die Glücksspielsucht

N-JOY - Der N-JOY Nachmittag mit Nina und dem Haacke -

In "Eine Stunde, ein Leben" erzählt Mario, wie die Glücksspielsucht fast sein Leben ruiniert hätte.


Über eine Freundin kommt Mario zum Glücksspiel

Einer der Menschen, die ihr Geld lange in der Spielhalle gelassen haben, ist Mario. Schon in den 1990er-Jahren verbringt er viel Zeit am "Daddel-Automaten". Dann kehrt zunächst Ruhe ein - er bekommt Kinder, trägt Verantwortung. Doch viele Jahre später - um 2014 - macht sich in seinem Leben eine Langeweile breit.

Irgendwann war das Kind groß, der Job lief relativ gut, aber ich hatte nicht viel zu tun. Ich hatte eine gute Freundin, die in einer Daddel-Halle gearbeitet hat. Und irgendwie bin ich da wieder reingerutscht. Mario über die Anfänge seiner Glücksspiel-Sucht

Mario verliert zunehmend den Überblick

So ist es laut dem Verein "Spielfrei leben" oft: Betroffene kommen zufällig mit Glücksspielen in Kontakt, werden neugierig. Zunächst geht es um den Geldgewinn, später auch um Spaß, Abwechslung und Ablenkung.

Mario trinkt anfangs in der Spielhalle Kaffee, unterhält sich. Dann fängt er an, zwei, drei oder fünf Euro in den Automaten zu stecken. Ab und zu gewinnt er einen kleinen Betrag. "Und dann wurden aus 20 Euro 50 Euro und aus den 50 Euro 100 Euro. Und irgendwann hatte ich keinen Überblick mehr", erzählt er.

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Glücksspielsucht: Bin ich gefährdet?

Glücksspiel kann süchtig machen. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) rät in einem Flyer, sich selbst folgende Fragen ehrlich zu beantworten:

  • Haben Sie beim Glücksspiel schon mehr Geld eingesetzt, als Sie es sich eigentlich leisten konnten?
  • Haben Sie erfolglos versucht, weniger zu spielen?
  • Werden Sie unruhig oder gereizt, wenn Sie nicht oder weniger spielen?
  • Hat Ihr Umfeld Sie bereits wegen Ihres Spielens kritisiert?
  • Haben Sie sich schon einmal wegen des Spielens oder seiner Folgen schuldig gefühlt?
  • Haben Sie jemals versucht, durch erneutes Spielen Geldverluste zurückzugewinnen?
  • Haben Sie sich bereits Geld geliehen, um spielen zu können?
  • Haben Sie schon etwas Illegales getan, um an Geld für Ihr Glücksspielen zu kommen?

Beantwortet ihr eine oder mehrere Fragen mit "Ja", kann euer Glücksspielverhalten problematisch sein.

Wenn ihr selbst oder Freunde oder Angehörige von euch Hilfe brauchen, könnt ihr euch zum Beispiel an "Die Boje" oder die BZgA wenden (Servicetelefon: 0800 1372700).

Mario verspielt bis zu 1.000 Euro am Tag

Bald gibt Mario nicht mehr 10 oder 20, sondern 400, 600 oder sogar 1.000 Euro pro Tag aus. Bespielt nicht mehr einen, sondern bis zu acht Automaten gleichzeitig. Und er verliert nicht nur seine Freunde, sondern auch eine Menge Geld. Immer wieder. Er muss mehrere Kredite aufnehmen - doch die Sucht ist größer als der Verstand.

Man verliert immer – das ist ja das Prinzip der Daddel-Hallen. Das ist dir in dem Moment aber nicht bewusst. Und wenn man dann nach Hause kommt, denkt man: Heute lief's nicht, dann eben morgen. Mario über seine Spielsucht

 

Ein Screenshot von Mario aus dem Video zu "Eine Stunde - ein Leben: Spielsucht". © N-JOY / WVU Foto: Screenshot

Marios Weg aus der Spielsucht

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Bis zu zehn Stunden pro Tag oder mehr hat Mario über Jahre in der Spielhalle verbracht. Das Ergebnis: 36.000 Euro Schulden. Uns hat er von seinem Weg aus der Sucht erzählt.

 

Ein Kartenhaus aus Lügen

Bis 14 Uhr arbeiten, danach direkt an die Automaten, erst nachts nach Hause kommen - so sieht Marios Alltag in dieser Hochphase im Jahr 2015 aus. Zehn oder mehr Stunden verbringt er täglich in der Spielhalle. Zu Hause erzählt er, dass er Überstunden machen muss.

In der Hochzeit baute eine Lüge auf der anderen auf. Das Schlimme ist, dass man seine Geliebten hinters Licht geführt und sich auch selbst so belogen hat.

 

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Seine Frau ist seine Rettung

Mitte 2016 bricht das Kartenhaus zusammen: Seine Frau stolpert über Kontoauszüge und stellt ihn zur Rede. Mario beschließt, reinen Tisch zu machen. Zusammen mit seiner Frau beginnt er ungeöffnete Briefe und Kontoauszüge zu suchen, die er überall im Haus versteckt hatte. Das Ergebnis: 6 Kredite und über 36.000 Euro Schulden. Er schämt sich und will aufhören.

Ohne Hilfe wäre ich da nicht mehr rausgekommen. Wenn meine Frau mir nicht die Pistole auf die Brust gesetzt hätte, hätte ich das nicht geschafft.

Es ist wie bei Alkoholkranken

Mario macht eine Therapie - bis heute. Seit etwa zwei Jahren ist er "clean" - auch wenn er weiß, dass er immer krank bleiben wird. Bis heute hat er Probleme, an Bankautomaten vorbeizugehen, weil ihn das Geräusch an Spielautomaten erinnert. Am Anfang seiner Therapie konnte Mario sich deswegen nicht einmal einen Kaffee am Automaten ziehen. Eine eigene EC-Karte oder Kreditkarten besitzt er auch nicht mehr, aus Angst, dass er das Geld wieder verspielt. Stattdessen bekommt er von seiner Frau 50 Euro "Taschengeld" pro Woche.

Das ist wie bei Alkohol-Kranken. Das wird man nie wieder los. Ich muss auf mich selbst aufpassen und vermeiden, dass ich überhaupt in so eine Situation gerate.

 

 

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Dieses Thema im Programm:

N-JOY | Der N-JOY Nachmittag mit Nina und dem Haacke | 29.08.2018 | 18:00 Uhr

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