Stand: 21.09.2019 18:15 Uhr | AutorIn: Anthrin Warnking

Deutschrap im Radio: Pop oder Provokation?

Wo hört Kunstfreiheit auf? Musikexperten haben auf dem Reeperbahn Festival darüber diskutiert, wie weit Musik im Radio gehen darf.

Sexismus, Rassismus, Homophobie und Gewaltszenarien sind in Deutschrap-Texten keine Seltenheit. Doch: Wo hört die Freiheit der Künstler auf? Welche Songs können im Radio gespielt werden - und wie wird das entschieden?

Über diese Fragen haben auf dem Reeperbahn Festival 2019 die Rapperin Ebow, die Hip-Hop-Podcasterin Jule Wasabi, der Chef des Musiklabels Downbeat Records, Norbert Rudnizky, und der Musikchef von Bremen NEXT, Matthias Zähler, diskutiert.

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Eröffnet wird die Diskussion mit einer einfachen Frage: Wird im Radio zu wenig deutscher Rap gespielt? Immerhin finden sich in den Top 100 der Streamingdienste zahlreiche Hip-Hop-Tracks.

Verallgemeinern will Zähler das nicht, er könne nur für Bremen NEXT sprechen. Dort habe man sich vor dem Sendestart vor drei Jahren zwei Szenarien ausgemalt:

Sende ich einfach an der Zielgruppe vorbei, indem ich diese Musikrichtung ausblende? Oder gucke ich, ob es Sachen gibt, mit denen wir uns arrangieren können - und nehme sie doch mit? Matthias Zähler, Bremen NEXT

"Das ist ein schmaler Grat"

Bremen NEXT hat sich für Letzteres entschieden. Dieser Weg sei mal mehr, mal weniger machbar. Man müsse sehr genau aufpassen, was reine Provokation sei und wo Sexismus, Rassismus oder Homophobie im Spiel seien: "Das findet bei uns im Programm keinen Platz. Aber das ist manchmal ein schmaler Grat".

Bremen NEXT gehe es aber nicht darum, selbst zu provozieren: "Am Ende machen wir ein Radioprogramm - es geht um Musik und nicht um Provokation". So stehe bei dem öffentlich-rechtlichen Sender aus Bremen der Track im Vordergrund - klingt er gut, wird der Text kritisch unter die Lupe genommen, bevor er gesendet wird. Dies passiere auch bei englischen oder französischen Texten, erklärt Zähler.

Darüber hinaus konfrontieren die Journalisten von Bremen NEXT die Künstler in Interviews auch mit fragwürdigen Texten und deren Inhalten: "Wir stellen auch unangenehme Fragen und bilden so einen Gegenpol."

Sexismus im Deutschrap

Dem pflichten auch die beiden Frauen in der Runde bei. Man müsse über den Sexismus sprechen, der sich in einigen Deutschrap-Texten wiederfindet. "Es gibt so schöne Schimpfwörter, die sich nicht auf Geschlechtsteile beziehen", meint Rapperin Ebow. Jule Wasabi, bekannt aus dem Hip-Hop-Podcast "Schacht & Wasabi", erklärt: "Ich habe mehr Probleme mit unterschwelligem Sexismus - wenn Frauen Fähigkeiten abgesprochen werden".

Labelchef: "Der Künstler trifft die künstlerischen Entscheidungen"

Gzuz, Capital Bra, Kollegah - diese und andere Namen fallen in der Diskussion öfter. Aber es muss noch ein Name auf den Tisch: Bausa. Denn der hat einen Plattenvertrag bei Downbeat Records, dessen Chef Norbert Rudnizky mit in der Runde sitzt. Er zeigt sich seinem Künstler gegenüber erstaunlich kritisch: "Ich finde Bausa toll - was aber nicht heißt, dass ich alles, was er sagt, unterschreibe."

Als Labelchef würde er immer wieder mit ihm zum Beispiel über sexistische Textzeilen diskutieren. Doch die Entscheidung, was er machen wolle, liege am Ende beim Künstler. Aber auch diese Freiheit der Künstler hat laut Rudnizky Grenzen - auch unabhängig von Bausa.

Es gab mal die Zeile 'Du sagst zwar nein, aber du meinst doch ja'. Da habe ich gesagt: Das geht nicht. Nein heißt nein und nicht ja. Norbert Rudnizky, Downbeat Records

"Frauen im Rapbusiness sollten Krawall machen"

Der Grat zwischen Künstlerfreiheit und textlichen No-Gos ist schmal und wird oft von Fall zu Fall entschieden. Wo sich aber alle einig sind: Homophobie, Rassismus und Gewalt gegenüber Frauen in Songtexten gehören nicht ins Radio. Es ist wichtig, darüber zu sprechen und es den entsprechenden Künstlern, wie Jule Wasabi fordert, "ungemütlich zu machen". Denn: Guter Hip Hop brauche keine Schimpfwörter und erst recht keine Erniedrigungen.

Was ich im Hip Hop schätze, ist, wenn es gute Bilder sind. Wenn er Geschichten erzählt - und seien es schmutzige. Aber irgendwo hört es auf. Norbert Rudnizky, Labelchef

 

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Dieses Thema im Programm:

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