Stand: 23.08.2017 09:48 Uhr | AutorIn: Inga Martens

Einmal Nazi, immer Nazi? Ein Aussteiger berichtet

Marco war Neonazi. Er war Mitglied der NPD, hat sogar Karriere in der Partei gemacht. Das ist vorbei. Marco ist vor über einem Jahr ausgestiegen. N-JOY Reporterin Inga erzählt er seine Geschichte.

Es ist das seltsamste Interview, das ich bisher geführt habe. Ich kenne den vollen Namen meines Interviewpartners nicht. Für den Text nenne ich ihn Marco. Sein echter Name muss geheim bleiben. Wir können uns auch nicht einfach in einem Café treffen. Das habe ich ganz naiv vorgeschlagen. Stattdessen sitzen wir in einem Polizeirevier. Niemand kann uns beobachten.

Sondersendung bei N-JOY

Eine Stunde, ein Leben: Der Ausstieg eines Neonazis

24.08.2017 18:00 Uhr

Am 24. August reden wir ab 18 Uhr bei N-JOY live über Marcos Erfahrungen - zusammen mit dem Rechtsextremismus-Experten Stefan Schölermann und einer Vertreterin der Aktion Neustart. mehr

Marco ist Mitte 20, etwa 1,80 Meter groß und kräftig, trägt Jeans, einen Kapuzenpulli und Turnschuhe. Er sieht gutmütig aus, wie ein Typ, den man jederzeit um einen Gefallen bitten kann. Ich bin überrascht. So hatte ich mir einen Neonazi nicht vorgestellt.

"Wenn mich jemand sieht, wie ich ein Interview gebe, bricht die Hölle los", erklärt Marco unseren ungewöhnlichen Treffpunkt. Seine ehemaligen Freunde aus der rechten Szene dürfen nicht erfahren, dass er mit einer Journalistin spricht. Marco glaubt zwar nicht, dass sie ihm etwas antun. Sicher kann er sich aber nicht sein. Manchmal hat er Angst um seine  Freundin und seine Familie.

"Wenn es gefährlich werden kann, warum sprichst du dann mit mir?", frage ich.

Ich möchte junge Menschen einfach vor der Dummheit bewahren, sich so einer Szene anzuschließen, egal ob es Rechts- oder Linksextreme oder Salafisten sind. Marco, Neonazi-Aussteiger

Der Einstieg in die rechte Szene

Als Marco sich der rechtsextremistischen Szene anschließt, ist er noch minderjährig. Auf einer Party trifft er einen Kindergartenfreund wieder. Der Freund ist in der rechten Szene und hat viele Kontakte. Er nimmt Marco mit zu Redeabenden, Konzerten, Treffen der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD).

Marco findet dort schnell Freunde.

Auf meiner Schule waren sehr viele Schüler mit Migrationshintergrund. Die haben mit Drogen gedealt, deutsche Frauen wie Dreck behandelt. Ich bin in der Schule auch rumgeschubst worden. Und da hab ich mir gedacht: Wie kann das sein - in seinem eigenen Land so behandelt zu werden. Diese Rechten haben sich nicht rumschubsen lassen. Außerdem waren die immer für einen da, wenn man Hilfe braucht. Marco, Neonazi-Aussteiger

Marco tritt der NPD bei und wird Mitglied der Jungen Nationaldemokraten (JN), der Jugendorganisation der NPD.

Rassenlehre im Zeltlager

Fast jedes Wochenende fährt Marco zu Kundgebungen oder Vorträgen. Er geht an Schulen, wirbt Jugendliche an, hat damit Erfolg. Im Sommer besucht er Zeltlager der NPD. Da gibt es jeden Morgen eine Feierstunde mit Fahnen, Trompeten und volkstümlichen Liedern. Die nationalsozialistischen Bräuche sollen gepflegt werden.

Im Theorie-Unterricht steht auch Rassenlehre an. "Wir haben gelernt, welche Rassen es gibt und an welchen Merkmalen man sie erkennt - zum Beispiel an den Hautfarben, den Nasen oder Ohren", sagt Marco.

Uns wurde auch beigebracht, wie man Köpfe ausmisst, um die Rasse zu bestimmen. Marco, Neonazi-Aussteiger

Er erzählt das ganz ruhig, als ginge es um das letzte Buch, das er im Deutschunterricht gelesen hat. Für ihn sei es ganz normal gewesen, damals hinterfragt er es nicht.

Gewalt und Demonstrationen

In der Szene geht es aber nicht nur um theoretische Lehren. Einmal provozieren er und seine Kameraden eine große Schlägerei mit Türken in einer Bar. "Da flogen Stühle und Gläser", erzählt Marco. "Das Ganze endete mit einem Polizeieinsatz." Ein anderes Mal gerät eine Demonstration außer Kontrolle. Seine Kameraden gehen auf Polizisten los. "Ich hab immer versucht, die Situation zu beruhigen", sagt Marco. "Ich hab gesagt: Was bringt uns Gewalt? Wir brauchen die Leute auf der Straße, nicht im Gefängnis." Immer wieder werden er und seine Freunde festgenommen. "Ich wusste, wenn ich so weitermache, wird es irgendwann mehr als nur Geldstrafen geben", erinnert er sich.

Marco will raus aus der Neonazi-Szene

Ein Ereignis prägt Marco besonders: Im August 2015 demonstrieren über 1.000 Menschen im sächsischen Ort Heidenau gegen eine neue Flüchtlingsunterkunft. Es fliegen Flaschen und Steine. Auch Polizisten werden verletzt. Unter den Angreifern sind Bekannte von Marco. Er kann nicht fassen, wie weit die Leute gehen, mit denen er sich die letzten Jahre identifiziert hat. Der Gedanke macht ihn heute noch wütend. Er ist zwar dagegen, dass "Wirtschaftsflüchtlinge", wie er sie nennt, nach Deutschland kommen, aber Gewalt gegen Menschen, die vor Gewalt fliehen, das will er nicht.

Er ruft bei der Polizei an. Die vermittelt ihn an die "Aktion Neustart". Er bricht alle Kontakte zu seinen Freunden ab, wechselt seine Handynummer und zieht in eine neue Wohnung. "Es war eine Zeit der Einsamkeit, weil ich vorher alles hatte. Meine Freunde waren wie Brüder für mich", sagt Marco. "Auf einmal war ich alleine und hatte niemanden mehr."

Die zweite Chance

Mittlerweile sitzen wir fast zwei Stunden in dem kleinen Büro auf dem Polizeirevier. "Fällt es dir eigentlich schwer, über diese Zeit zu reden?", frage ich ihn. "Nein überhaupt nicht", sagt er überzeugt. "Für mich ist das Aufklärungsarbeit, damit andere Menschen nicht den gleichen Lebensweg einschlagen."

Hinweis: Um Marcos Identität zu schützen haben wir seinen Namen geändert und das Interview von einem Schauspieler nachsprechen lassen.

Dieses Thema im Programm:

N-JOY | Der N-JOY Nachmittag mit Nina und dem Haacke | 24.08.2017 | 18:00 Uhr

Eine Stunde, ein Leben: Der Ausstieg eines Neonazis

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