Stand: 08.06.2017 13:33 Uhr | AutorIn: Anthrin Warnking

Radikalisierung: "Religion spielt eine kleine Rolle"

Radikalisierung passiert nicht von einem Tag auf den anderen. Sich einer extremistischen Ideologie zugehörig zu fühlen, sich dem IS anzuschließen und sich vielleicht sogar für eine Ausreise in den Dschihad zu entscheiden, das ist ein längerer Prozess. Und: Radikalisierung hat nicht zwingend etwas mit Religion zu tun. Ein Interview mit André Taubert von der Hamburger Fachstelle für religiös begründete Radikalisierung.

Wenn Eltern, Freunde oder Lehrer das Gefühl haben, dass sich ihr Sohn, Freund oder Schüler in islamistischen Ideologien verrennt, können sie sich an "legato" wenden - eine Hamburger Fachstelle, die das Umfeld der Betroffenen berät und so versucht, die Jugendlichen zurück in die Gesellschaft zu holen.

André Taubert leitet "legato". Er ist Religionspädagoge und Sozialarbeiter in einem und kennt die Lebensläufe vieler Jugendlicher, die in die Kreise des IS geraten sind. Ein Interview über Realitätsflucht, Radikalisierungsprozesse und die Rückkehr in die westliche Gesellschaft.

Herr Taubert, was fasziniert Jugendliche wie Bilal daran, sich dem Islamischen Staat anzuschließen?

Bevor man sich dem IS anschließt, geht ein langer Prozess voraus. Das ist kein Verein, dem man mal eben beitritt, sondern ein langsames Reinwachsen, bis man der Ideologie des IS zustimmt und sie nicht mehr kritisch hinterfragt.

Beginnen wir also ganz am Anfang: Wie kommen christlich erzogene Jugendliche, die vorher kaum Berührungspunkte mit dem Islam hatten, überhaupt dazu, sich so ausführlich mit dem Islam auseinanderzusetzen?

André Taubert hat Religionswissenschaften und Mathematik auf Lehramt studiert und anschließend jahrelang als Straßensozialarbeiter gearbeitet.

Es beginnt oft damit, dass junge Menschen das Gefühl haben, sie müssten sich mit ihren muslimischen und von der westlichen Welt unterdrückten Freunden solidarisch zeigen. Das ist die Geschichte, die die IS-Propaganda immer wieder erzählt: Alle Muslime werden in und von der westlichen Welt unterdrückt. Der Islam soll kaputt gemacht werden. Der erste Schritt kann dann sein, aus Solidarität zu konvertieren.

Es ist auch nicht weiter gefährlich, sich so einzusetzen. Aber wenn man dieser Idee weiter folgt, stößt man im Internet auf IS-Propaganda und rutscht immer weiter in diese Ideen rein.

Und was glauben die Jugendlichen mit ihrer Solidarität erreichen zu können?

Sie glauben, es kann eine Gemeinschaft der wahren Muslime geben und sie werden dazu gehören. Was sie daraus machen, ist sehr individuell. Sie können nach Syrien gehen, um dafür zu kämpfen, hier in Deutschland politisch argumentieren, Korane verteilen oder das mit sich selbst vereinbaren.

Das klingt, als seien diese jungen Menschen sehr politische Menschen. Welche Rolle spielt die religiöse Motivation dann überhaupt?

Ich glaube, Religion spielt eine Rolle. Aber sie spielt eine kleine Rolle. Es geht um das Zusammensein, das gemeinsame politische Argumentieren, das große politische Ziel. Mit sich und Allah in einer sehr persönlichen Bindung zu sein, tritt nur ganz selten in den Vordergrund.

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Was gibt den Jugendlichen diese zweckentfremdete Religion, das sie woanders nicht bekommen?

Sie bekommen sehr individuelle Antworten auf ihre Probleme. Am Anfang sind das oft die Mini-Probleme des Alltags. Fünfer-Kandidaten im Matheunterricht finden im Internet zum Beispiel Propaganda-Videos, in denen gesagt wird: 'Du musst in Mathe gar nicht gut sein, das zählt nicht vor Gott oder wenn man ins Paradies kommen will - Schulnoten sind in der Gemeinschaft der Muslime völlig egal.' Außerdem haben junge Leute es schon immer als spannend empfunden, radikal zu sein.

Sind islamistische Strömungen eine Art neue - gefährlichere - Jugendkultur?

Bestimmt. Es gibt da viele Überschneidungen. Die Frage ist, ob sie gefährlicher ist oder nicht. Wenn junge Menschen nach Syrien gehen, ist es natürlich zum Einen für sie selbst gefährlich, zum Anderen kämpfen sie da unten und töten unter Umständen Menschen. Andererseits ist die rechtsextremistische Szene, was Gewalttaten in Deutschland angeht, viel schlimmer. Die salafistische Szene ist da eher zurückhaltend.

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Wie passt das zum Gefühl vieler Menschen in Deutschland, dass Terrorakte - wie zum Beispiel Selbstmordattentate - immer näher kommen?

Ich glaube, wir müssen manche Dinge, die in den letzten Monaten passiert sind, auch als Amoklauf betrachten - und gar nicht so sehr als Terroranschlag. Der IS bekennt sich natürlich gerne zu so etwas. Das heißt aber nicht, dass der IS tatsächlich seine Finger im Spiel hatte.

Sie haben angedeutet, dass es unterschiedliche Ausprägungen von Radikalisierung gibt. Bei welchen Warnsignalen sollten Eltern und Freunde von Betroffenen handeln?

In dem Moment, in dem man sich so etwas fragt, kann man schon bei uns anrufen. Wenn jemand bei sich zu Hause ein islamisches Glaubensbekenntnis in arabischen Schriftzeichen an die Wand kritzelt, dann kann das gar nichts bedeuten oder sogar positiv sein. Es kann sich aber genauso um einen Jugendlichen handeln, der schon sehr weit in der Szene drin ist. Das kann man aber erst im Gespräch analysieren: Wie weit hat er sich schon isoliert? Wie viele Freunde hat er schon aufgegeben? Wie weit geht diese Ideologie im Kopf schon? Das kann man nicht pauschal sagen.

Die Suche nach Antworten auf Probleme und die Suche nach Gemeinschaft ist erst mal für jeden nachvollziehbar – aber was bewegt Menschen schlussendlich dazu, nach Syrien oder in den Irak zu reisen?

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Bevor sie sich entscheiden auszureisen, besteht immer dieses massive Gefühl: Die westliche Welt ist gegen den Islam - und ich bin Teil des Islam. Man will mich hier nicht.
Gerade bei den Mädchen kann man sehen, dass sie in eine Isolation und Depression gerutscht sind, bevor sie dann nur noch diese eine Hoffnung haben, nach Syrien zu gehen. Die tiefe Krise und die Hoffnung auf den weißen Ritter, der sie rettet, spielen zusammen.
Bei den Jungs spielen noch Abenteuer und Gemeinschaftsgefühl mit rein - etwas aufbauen zu wollen und für die Glaubensbrüder zu kämpfen.

Ist es möglich, Betroffene aus ihrer Radikalisierung zurückzuholen?

Die Jugendlichen müssen sich selbst auf den Weg zurück machen. Wir können Gehirnwäsche nicht zurückwaschen. Durch stabile, persönliche Beziehungen - zum Beispil zu den Eltern, dem Lehrer, einem Sozialarbeiter, einem guten Freund - überstehen die Jugendlichen eine Phase, in der sie einer solchen Ideologie nachrennen, im Allgemeinen ohne bleibende Schäden. Es muss Leute geben, denen sie vertrauen können und die ihnen sagen: 'Du bist mir wichtig, ich will, dass du hier bleibst.'

Eine Bindung zur Gesellschaft ist das, was davor schützt, dass jemand die Gesellschaft torpediert. Und die Familie ist die beste Prävention.

Wie können wir in Deutschland noch gegensteuern oder vorsorgen?

Definitiv nicht durch die Aufstockung von Sicherheitspersonal. Das ist Angstmache - und Angst ist das, was Radikalisierung macht. Gegeneinander aufzurüsten, ist gefährlich. Bei den Jugendlichen könnte so das Gefühl bestärkt werden, dass Polizisten gegen den Islam eingestellt werden.

Wir sollten stattdessen ganz deutlich machen, dass wir als Gesellschaft nicht gegen den Islam kämpfen, sondern gegen extremistische und politische Ideologien, die menschenverachtend und anti-demokratisch sind.

Herr Taubert, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Anthrin Warnking.

 

Hilfsstellen und Hintergründe

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Dieses Thema im Programm:

N-JOY | Der Graf | 15.06.2017 | 12:00 Uhr

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