Stand: 13.11.2020 14:58 Uhr

Corona-Krise: "Wir sollten hygienisch mit unserem Gehirn umgehen"

Seit Monaten hören wir täglich schlechte Nachrichten. Neurowissenschaftlerin Maren Urner erklärt, was das mit unserem Gehirn macht - und wie wir es schaffen, Veränderungen positiver anzugehen und Einschränkungen als Chance zu sehen.

Die Corona-Pandemie hat unser Leben und unser Zusammenleben auf den Kopf gestellt - und sie wird weiterhin dafür sorgen, dass wir immer neuen Veränderungen und Herausforderungen ausgesetzt sind. Obwohl die konkreten Auswirkungen der Krise auf das Leben jedes Einzelnen unterschiedlich aussehen, wünscht sich wohl jeder, dass die Pandemie möglichst schnell und glimpflich vorübergeht.

Das Ende des Tunnels zu sehen, ist allerdings gar nicht so einfach. Ob im Fernsehen, im Radio, in Zeitungs- und Online-Artikeln oder per Push-Nachricht auf unserem Smartphone - jeden Tag begegnen uns neue schlechte Nachrichten. Das geht nicht spurlos an unserem Gehirn vorbei, sagt Maren Urner.

Schlechte Nachrichten stressen unser Gehirn

Sie muss es wissen - denn Urner ist Neurowissenschaftlerin und somit Expertin darin, wie unser Nervensystem funktioniert. Die ständigen negativen Nachrichten sorgen dabei laut Urner vor allem für eines: Stress! Dieser könne allein schon durch bestimmte Schlüsselwörter ausgelöst werden.

Wenn wir Wörter wie Krieg, Terror oder Krebs lesen und hören, reagiert unser Gehirn darauf intensiver, als wenn wir positive Wörter hören. Diese negativen Dinge lösen Alarmsignale in unserem Gehirn und am ganzen Körper aus. Wir kommen in einen Zustand, in dem wir entscheiden: kämpfen oder wegrennen.

"Hygienisch mit unserem Gehirn umgehen"

Doch wie schaffen wir es, dass wir uns in diesen Zeiten nicht dauerhaft im Kampf- oder Flucht-Modus befinden? Urner empfiehlt mehr "Medienhygiene": "Wir machen uns ganz viele Gedanken darüber, was wir essen und wie wir unseren Körper pflegen - aber eben wenig darüber, welche Informationen wir wann und wie an uns heranlassen."

Urner rät, Gewohnheiten wie endlose Push-Nachrichten und andere Dauerablenkung mehr zu hinterfragen, damit wir reflektiert und zukunftsorientiert denken und entscheiden können.

Medienhygiene: Allgemeine Prinzipien, aber kein Patentrezept

Eine Faustregel für den Umgang mit negativen Nachrichten oder, wie oft wir sie konsumieren sollten, gebe es dabei nicht - schließlich seien wir alle unterschiedlich. "Wichtig ist, uns zu fragen, wann etwas für uns gut funktioniert und wann nicht", erklärt die Neurowissenschaftlerin.

Dabei könne es auch schon helfen, das Smartphone mal beiseite zu legen oder auf anderem Wege eine Umgebung zu schaffen, die die Ablenkung minimiert.

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#WIE LEBEN - BLEIBT ALLES ANDERS

Die Corona-Pandemie hat die Welt, wie wir sie kannten, aus den Angeln gehoben - wirtschaftlich, politisch, sozial. Und doch bietet jede Krise auch die Chance, Strukturen zu überdenken, aus Erlebtem zu lernen und neue Ansätze zu wagen.

Aus den Erfahrungen mit der Corona-Krise kann eine neue Sensibilität für Zukunftsfragen entstehen. Denn sie macht deutlich, was Globalisierung bedeutet und wie sehr die Menschen auf der ganzen Welt gemeinsam verantwortlich sind. Auch ließ sich während der Corona-Pandemie eine große Veränderungsbereitschaft beobachten. Auf dem Weg aus der Krise geht es nun darum, Konsequenzen zu ziehen und Weichen zu stellen.

Die ARD Themenwoche vom 15. bis 21. November 2020 wimdet sich der Frage "Wie wollen wir leben?" Alle Informationen dazu findet ihr hier.

Corona-Krise: Wie geht es weiter?

Haben wir den für uns passenden Umgang mit negativen Nachrichten gefunden, bleibt aber immer noch eine große Frage: Wie soll es in Zukunft weitergehen? Urner gibt zu: Leicht ist diese Situation für unser Gehirn nicht.

Unser Gehirn ist faul. Es versucht, Energie zu sparen - und jede Veränderung kostet Energie. Wenn wir dann aber in eine Phase wie diese Pandemie geraten, funktioniert das Energiesparen und dieses 'Alles wie immer' nicht mehr.

Denn tatsächlich ist kaum etwas wie immer. Wir sind gezwungen, umzudenken und unsere Gewohnheiten zu verändern oder zu hinterfragen. Konzerte, Familienfeiern, Flugreisen - bestimmte Dinge sind aktuell nicht oder nur eingeschränkt möglich.

Einschränkung oder Gewinn?

Die Expertin sieht in dem nun nötigen Umdenken aber auch eine große Chance. Daher sollten wir uns ihrer Meinung nach fragen, ob die Veränderung eine Einschränkung oder vielleicht sogar ein Gewinn ist.

"Nur weil es eine Veränderung ist, bedeutet es nicht automatisch, dass es schlechter ist. Nutzen wir doch, was uns gerade an Neu-Denken aufgezwungen wird, um in eine Richtung zu denken, die uns gut tut und uns als Gesellschaft bereichert", so Urner.

So gehen wir Veränderungen positiv an

Gleichzeitig betont sie: Wenn wir uns immer die Frage stellen "Was jetzt - wie kann es weitergehen?", können wir es schaffen, Veränderungen positiver anzugehen.

Wir sorgen damit in unserem Gehirn für Zugang zu Regionen, die Probleme in einer zukunftsorientierten Art und Weise denken. Wir werden nicht durch Angst und Versagen getrieben, sondern fragen uns, welche Chancen Veränderungen mit sich bringen.

Zukunftsplanung und positive Erinnerungen

Dass es zur Regulierung unserer Emotionen hilft, die Zukunft positiv zu planen und die Situation aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten, zeigt auch eine Studie des Psychologischen Instituts der Universität Mainz. Dabei wurde unter anderem der Zusammenhang zwischen Mediennutzung und der Angst vor dem Coronavirus untersucht.

Auch Wiebke Marschner, Emotionscoach und Krisenspezialistin, rät zu einem positiven Angang. Schöne Erinnerungen könnten ebenfalls helfen, besser durch die Krise zu kommen.

Mit 5 Fragen stärker durch die Krise

Marschner erklärt im N-JOY Interview eine Art psychologischen Trick, den sie bei sich selbst auch anwendet: Durch das "Ressourcen-Meeting", wie sie es nennt, holen wir positive Empfindungen wieder hoch, aus denen wir Kraft schöpfen können. Dieses Meeting mit uns selbst besteht aus fünf Fragen, die wir uns regelmäßig - zum Beispiel am Ende eines Tages - stellen können:

1. Was habe ich heute durch mein Handeln erreicht, auf das ich stolz bin? Worauf könnt ihr stolz sein? Diese Emotion könne uns Kraft geben.

2. Wann habe ich mich heute sicher oder einfach nur entspannt gefühlt? Bei dieser Frage gehe es um die Emotion Sicherheit, um Ordnung und Stabilität, erklärt die Expertin.

3. Wofür bin ich heute dankbar? Das kann auch eine Kleinigkeit sein: "Kleine Momente können eine große Energiequelle sein", erklärt Marschner.

4. Wann habe ich heute Ehrfurcht gespürt? Innehalten und staunen, sodass unsere eigenen Probleme in den Hintergrund rücken - zum Beispiel beim Anblick des blauen Himmels bei der Jogging-Runde am Morgen.

5. Wann habe ich anderen heute eine Freude gemacht? Bei dieser Frage gehe es darum, sich mit anderen Menschen zu verbinden, um sich selbst mental zu stärken.

Positiver in die Zukunft

Sich nicht ständig von schlechten Nachrichten überhäufen und ablenken lassen, Veränderungen auch als Chance sehen, aus schönen Erinnerungen Kraft ziehen - am Ende muss jeder seinen ganz persönlichen Umgang mit der Situation finden. Denn welche Mechanismen helfen, um nicht im Hier und Jetzt zu verharren, ist ganz individuell. Einen Versuch ist es aber allemal wert.

 

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Dieses Thema im Programm:

N-JOY | Der Graf | 06.11.2020 | 12:00 Uhr

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