Stand: 07.10.2020 11:57 Uhr | AutorIn: Nele Wehmöller

Gewalt im Netz: Mehr als die Hälfte der Frauen betroffen

Eine Umfrage zeigt, dass viele Frauen von digitaler Gewalt betroffen sind. Jede zweite Befragte wird online sogar häufiger belästigt als auf der Straße. Junge Frauen rufen die Betreiber sozialer Netzwerke in einem offenen Brief zum Handeln auf.

Mehr als die Hälfte der Mädchen und Frauen zwischen 15 und 25 Jahren wurde im Netz schon mal belästigt, beschimpft oder bedroht. Das ist das Ergebnis einer Umfrage der Kinderrechtsorganisation Plan International, die anlässlich des Weltmädchentags am 11. Oktober vorgestellt wurde.

Für den Bericht "#FreeToBeOnline" wurden 14.000 Mädchen und Frauen aus 22 Ländern zu ihren Erfahrungen in den sozialen Medien befragt. Am meisten digitale Gewalt erfuhren sie laut der Studienergebnisse auf Instagram und Facebook.

Ergebnisse für Deutschland: 70 Prozent von Online-Belästigung betroffen

Zu den Befragten zählten auch 1.003 junge Frauen aus Deutschland. Unter ihnen gaben sogar 7 von 10 Mädchen und Frauen an, von digitaler Gewalt betroffen zu sein - und damit mehr als im weltweiten Vergleich. Für viele Frauen in Deutschland keine einmalige Erfahrung, wie die Auswertung zeigt: 82 Prozent der betroffenen Frauen gaben an, in den sozialen Medien sogar schon verschiedene Arten von digitaler Gewalt erlebt zu haben.

Am häufigsten berichteten sie von Beschimpfungen und Beleidigungen (67 Prozent). Jede zweite Befragte hat zudem im Netz bereits sexualisierte Gewalt erlebt. Dazu zählt beispielsweise auch, ungefragt Penisbilder geschickt zu bekommen.

Auch die Ethnie und die sexuelle Orientierung sind oft Gegenstand von Belästigungen im Internet, wie die Ergebnisse der Befragung zeigen: 41 Prozent der Mädchen haben schon rassistische Kommentare aufgrund ihrer Hautfarbe oder Herkunft bekommen, 35 Prozent mussten beleidigende Kommentare lesen, weil sie der LGBTQI+ Gemeinschaft angehören.

Außerdem berichten die Mädchen und Frauen von Bodyshaming (44 Prozent), persönlicher Demütigung (44 Prozent), Stalking (41 Prozent) und der Androhung körperlicher Gewalt (33 Prozent).

Digitale Gewalt hat Folgen

Wie gehen die Befragten mit den Belästigungen im Netz um? Mehr als die Hälfte der deutschen Betroffenen gab an, sich unangemessene Inhalte nicht gefallen zu lassen und sie zu melden. 15 Prozent antworten auf beleidigende oder belästigende Kommentare, während 47 Prozent sie ignorieren.

Deutlich wird aber auch, dass viele Mädchen versuchen, den Belästigungen auszuweichen: Rund jede zehnte junge Frau nutzt die Social-Media-Plattform, auf der sie angegriffen wurde, anschließend seltener. 9 Prozent schreiben keine Posts mehr, in denen die eigene Meinung erkennbar wird. 5 Prozent verlassen die jeweilige Plattform sogar ganz.

Dafür gibt es dem Bericht zufolge mehrere Gründe: Jede dritte Befragte empfindet durch die Belästigungen mentalen oder emotionalen Stress. Zudem verringern sich Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein. Fast ein Viertel der Mädchen hat zudem körperlich spürbare Angst.

Die Ergebnisse des Mädchenberichts zeigen, wie machtlos sich viele Mädchen und junge Frauen in sozialen Netzwerken fühlen, und dass es viel zu wenig Mechanismen gibt, um wirksam gegen Angriffe und Schikane vorzugehen. Maike Röttger, Plan International Deutschland

Dickpics sind kein Kompliment

Auch Influencerinnen, die besonders viel in sozialen Netzwerken unterwegs sind, wurden in der Untersuchung zu ihren Erfahrungen befragt.

Hannah Müller-Hillebrand aus Berlin teilt auf ihrem Instagram-Kanal zum Beispiel viel zu den Themen Gleichberechtigung und Empowerment von Frauen. Dazu bekommt die 24-Jährige viel positives Feedback - aber auch Hassnachrichten. Sie findet:

Die Gesellschaft muss Belästigung und Gewalt im Internet ernster nehmen. Es ist nicht lustig, ein Dickpic zugeschickt zu bekommen, verfolgt oder mit Nachrichten bombardiert zu werden – das ist kein Kompliment!

Offener Brief an Betreiber sozialer Netzwerke

Um dem Thema mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen, fordert Plan International wirksame Maßnahmen - und ruft Nutzerinnen sozialer Medien dazu auf, einen offenen Brief an die Betreiber der Digital-Plattformen zu unterschreiben.

Darin werden unter anderem Social-Media-Unternehmen dazu aufgefordert, wirksame und leicht zugängliche Melde-Mechanismen speziell für geschlechtsspezifische digitale Gewalt zu schaffen. Mechanismen, durch die Täterinnen und Täter zur Rechenschaft gezogen werden können.

Tipps: Das könnt ihr bei digitaler Gewalt tun

Werdet ihr im Netz belästigt, müsst ihr euch das nicht gefallen lassen. In der Studie befragte Influencerinnen berichten, dass es helfen könne, mit jemandem über schlechte Erfahrungen in sozialen Medien zu sprechen. Außerdem sei es hilfreich, sich bewusst zu machen, dass ihr nicht allein seid.

Natürlich habt ihr die Möglichkeit, Personen und Accounts zu melden. Außerdem könnt ihr euch, wenn ihr belästigt oder bedroht werdet, an die Polizei wenden.

Der Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe stellt zudem eine Liste mit Webseiten zur digitalen Selbstverteidigung zur Verfügung, auf denen ihr weitere Tipps findet, um euch besser zu schützen.

Mädchen und Frauen, die Gewalt erleben, können außerdem folgende Hilfs- und Beratungsangebote nutzen:

Weitere Informationen

  • 24 Stunden-Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" für alle Fälle sexueller Übergriffe: 08000 116016

  • Telefonseelsorge evangelisch/katholisch: 0800 1110111

  • Telefonseelsorge muslimisch: 030 443509821





  • Hilfetelefon sexueller Missbrauch: 0800 22 55 530

Weitere Informationen

Dick Pics: "Eine Grenzüberschreitung und Machtdemonstration"

In Rostock startet der Prozess gegen einen Mann, der ein Penisbild verschickt hat. Eine Psychologin und eine Anwältin erklären, warum Menschen das machen - und wie die Empfänger reagieren können. mehr

Sexuelle Belästigung: Was kann ich tun?

Sexuelle Belästigung gehört leider immer noch zum Alltag von Frauen. Aber es ist wichtig, Grenzen zu ziehen. Wir haben Tipps für euch: Wo ist die Grenze? Wie wehre ich mich? Wer hilft mir? mehr

"Männerwelten": Wie Frauen im Alltag belästigt werden

Joko und Klaas haben ihre Sendezeit bei ProSieben genutzt, um eine Ausstellung der anderen Art zu zeigen: Ein Video zeigt die Facetten von Sexismus und sexueller Gewalt, der Frauen ausgesetzt sind. mehr

Dieses Thema im Programm:

N-JOY | Kuhlage und Hardeland - Die N-JOY Morningshow | 06.10.2020 | 06:20 Uhr

N-JOY
#

Lieblingssong? Teilen!
Achtung. Beim Klick auf das Facebook-Icon wird eine Verbindung zu Facebook hergestellt. Dabei werden bereits Daten an Facebook übertragen.
Songtitel posten: Facebook