Stand: 13.12.2017 19:00 Uhr | AutorIn: Anthrin Warnking

"Ich habe meine Tochter nicht mehr geliebt"

Judith hatte eine schwere Depression, in der sie oft nichts mehr gefühlt hat. Nun arbeitet sie mit ihrer Familie daran, die schwere Zeit zu verarbeiten. In "Eine Stunde, ein Leben" hat sie uns ihre Geschichte erzählt. Hier könnt ihr sie noch mal lesen und die Sendung nachhören.

Ich treffe Judith* in der Erziehungsberatungsstelle der Diakonie. Hier, in den langen Gängen des modernen Gebäudes, kennt sie sich aus - denn hier arbeiten sie, ihr Partner und ihre Tochter im Projekt "SeelenHalt" mit Therapeuten und Kinderpsychologen daran, wieder eine ganz normale Familie zu werden.

"Irgendwann ging es gar nicht mehr"

Die Geschichte von der schwersten Zeit in Judiths Leben beginnt Mitte 2013. "Ich hatte einen Fahrradunfall und habe sehr wenig geschlafen, weil meine Tochter mehrmals die Nacht wach wurde", erzählt sie von den Anfängen ihrer Krankheit.

Die Krankheit schleicht sich über mehrere Monate ein. Judith merkt, dass sie immer schlechter arbeiten und sich immer weniger um ihre damals dreijährige Tochter Ella* kümmern kann.

Meine Tochter weiß immer noch, wie sie mich nachts weinend in der Küche gefunden hat. Sie hat gefragt, warum ich weine - und ich konnte nur sagen: 'Ich weiß es nicht'.

Es ist der Beginn einer schwere Depression.

 

Eine Silhouette im Sonnenuntergang hinter einem nassen Fenster. © picture alliance / Mohammed Saber/EPA/dpa Fotograf: Mohammed Saber

Eine Stunde, ein Leben: Judiths Kampf gegen die Depression

N-JOY - Der N-JOY Nachmittag mit Nina und dem Haacke -

Judith hatte eine schwere Depression und hat uns ihre Geschichte erzählt. Johanna Kutzke von der Diakonie hat live im Studio eure Fragen beantwortet. Hier könnt ihr die ganze Sendung noch mal hören.

"Es fühlt sich an wie ein Verschwinden im Nichts"

Judith schildert eine immer größer werdende innere Leere: "Ich habe meinen Partner nicht mehr geliebt - und ich habe meine Tochter nicht mehr geliebt. Als ich schwer depressiv war, war ich nicht traurig, sondern vollkommen gleichgültig." Kurz vor Weihnachten 2013 zieht ihr Lebenspartner die Reißleine. Die beiden fahren in eine Psychiatrie, in die Judith sofort stationär aufgenommen wird.

Judith kommt in die Psychatrie

Insgesamt neun Monate verbringt Judith in drei verschiedenen Psychiatrien. Sie wird mit Antidepressiva behandelt. Sie nimmt an Handwerkskursen teil und gärtnert, bekommt Besuch von ihrer Familie. Judith führt Listen darüber, was sie wann macht, um wieder Struktur in ihren Tag zu bringen. Judith erinnert sich nur noch bruchstückhaft an diese Zeit.

Es ging mir so schlecht, dass ich nichts abgespeichert habe, was in der Zeit passiert ist.

Judith sucht HIlfe beim Projekt "SeelenHalt"

Kurz nachdem sie aus der Psychiatrie entlassen wird, wenden Judith und ihr Partner sich an die Erziehungsberatungsstelle der Diakonie. Judith will in ihre Rolle als Mutter zurückfinden. Im Mittelpunkt der Beratung steht die mittlerweile fünfjährige Ella.

Ella hat von sich aus gesagt, dass sie sich manchmal nicht echt fühlt, dass sie immer denkt, sie ist noch nicht geboren oder schon tot. Und das besonders, wenn 'es schön ist'.

Unterstützung für die ganze Familie

Seit Mitte 2017 geht auch Ella jede Woche zu "SeelenHalt". Eine Kinderpsychologin redet und spielt mit ihr, damit sie das Gefühl loswird, nicht echt zu sein. Judith gefällt der ganzheitliche Ansatz des Projekts: Die Sozialpädagogen und Psychologen kennen die Geschichte der ganzen Familie. Außerdem sei die Hilfe der Diakonie unkomplizierter als die langen Wartelisten in psychotherapeutischen Praxen. Schon zwei, drei Wochen nach ihrer Entlassung aus der Psychiatrie hatten Judith und ihr Partner den ersten Termin.

Weitere Informationen

Danke für mehr als 1,5 Millionen Euro!

Die NDR Benefizaktion "Hand in Hand" unterstützt in diesem Jahr Kinder und Familien in Not. Die erste Bilanz des Spendentages: Danke für mehr als 1,5 Millionen Euro! mehr

Ohne Spenden funktioniert die Hilfe nicht

Doch damit die Hilfe der Erziehungsberatungsstelle so unkompliziert und ohne große Hemmschwellen ablaufen kann, sind die Projektverantwortlichen auf Spenden angewiesen.

"Bei einem längeren Beratungsprozess bekommen wir die Finanzierung über das Jugendamt. Dazu müssen wir allerdings mit den Eltern einen Antrag auf 'Hilfe zur Erziehungsberatung' stellen. Die Hilfe für Eltern, die sich noch nicht an offiziellen Stellen wenden wollen, ist nur zu einem sehr kleinen Teil finanziert", erklärt die Sozialpädagogin Johanna Kutzke von "SeelenHalt", die Judith seit langem auf ihrem Weg begleitet.

Judith hat die Krankheit überstanden

Judith fühlt sich mittlerweile wieder gesund und hat die eineinhalb schlimmsten Jahre ihres Lebens hinter sich gelassen.

Mein größtes Ziel ist natürlich, nie wieder krank zu werden. Ansonsten wünsche ich mir, dass meine Tochter zuversichtlich in die Zukunft blickt.

*Die Namen wurden von der Redaktion geändert.

Kurz erklärt

Was sind Depressionen?
Eine Depression ist eine psychische Störung. Man unterscheidet leichte, mittlere und schwere Depressionen. "Es gibt Depressionen, die einmalig im Leben auftreten, es gibt aber auch Depressionen, die immer wieder in Phasen kommen", erklärt die Sozialpädagogin Johanna Kutzke von der Diakonie.

Welche Symptome gibt es?
Das kommt auf die Ausprägung der Depression an. Depressive Menschen können niedergeschlagen, müde und antriebslos sein und ein geringes Selbstbewusstsein, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Appetitlosigkeit und Konzentrationsprobleme haben. Menschen mit schweren Depressionen fühlen oft gar nichts mehr.

Wie kann man depressiven Menschen helfen?
Zum Beispiel durch Psychotherapie oder Medikamente. Das kommt ganz auf die genaue Diagnose und den Verlauf der Krankheit an. Wichtig ist: Wenn ihr denkt, dass ihr oder Freunde von euch psychische Probleme haben, holt euch auf jeden Fall professionelle Hilfe!

 

Weitere Informationen

Suizidgedanken? Es gibt Auswege!

Denkt ihr daran, euch das Leben zu nehmen? Es gibt viele Menschen, die ein offenes Ohr für eure Probleme haben. Hier findet ihr Links und Telefonnummern. mehr

Weitere Informationen

Hier können Sie jederzeit spenden!

"Hand in Hand für Norddeutschland": Helfen Sie mit Ihrer Spende Kindern und Familien in Not. Sie können jederzeit spenden, das Spendenkonto ist bis zum 28. Februar 2018 geöffnet. mehr

Die Diakonie im Norden

Die Diakonie im Norden ist der diesjährige Partner der NDR Benefizaktion. Die Diakonie begleitet und berät Menschen in schwierigen familiären und sozialen Situationen oder Notlagen. mehr

Wenn Jugendliche nicht zu Hause leben können

04.12.2017 09:00 Uhr

Ali ist 15 und ohne seine Eltern aus Syrien geflüchtet, Anna kann aufgrund von Konflikten nicht zu Hause leben. Beide wohnen in einer betreuten Wohngruppe. Wir haben sie besucht. mehr

 

Dieses Thema im Programm:

N-JOY | Der N-JOY Nachmittag mit Nina und dem Haacke | 13.12.2017 | 18:00 Uhr

N-JOY
#

Lieblingssong? Teilen!
Achtung. Beim Klick auf das Facebook-Icon wird eine Verbindung zu Facebook hergestellt. Dabei werden bereits Daten an Facebook übertragen.
Songtitel posten: Facebook
09:00 - 12:00 Uhr  [Webcam]