Stand: 12.09.2018 13:07 Uhr

Lehrer bereist Länder seiner Schüler

Jan Kammann ist Lehrer an einer Hamburger Schule. Drei Jahre lang unterrichtet er eine Klasse, deren Schüler aus 30 unterschiedlichen Nationen stammen. In einem Sabbatjahr macht er sich auf die Reise, um die Heimatländer seiner Schützlinge kennenzulernen.

Iran, Südkorea, Kuba - das sind nur einige der vielen Stationen für Jan Kammann. Als das zehnte Schuljahr seiner Klasse vorbei ist, macht er sich auf die Socken und bereist 14 ihrer Heimatländer. "Ich wollte den Spieß umdrehen und selbst der Ausländer sein, von dem ich so oft hörte" - gesagt, getan. Ein Jahr lang tourt er durch die Welt, ein halbes davon begleitet ihn seine Freundin.

Zurück in Deutschland erzählt er uns von einer Weltreise, die Vorurteile aus dem Weg geräumt, beeindruckende Anblicke geliefert und ihn vor allem nie aus dem Staunen herausgebracht hat. Im Gespräch verrät uns Jan, was für ihn in den jeweiligen Ländern die überraschendsten Erfahrungen waren.

Russland

"In der sibirischen Stadt Ulan-Ude hat mir ein Mann namens Ivan erzählt, dass Russen - entgegen dem Klischee - natürlich auch lachen - das Ganze aber etwas intimer und vorsichtiger ist, als wir es vielleicht kennen. Sie wollen mit ihrem Lachen niemanden vor den Kopf stoßen. Diese Unterhaltung war wirklich lustig, weil er mich absichtlich hat auflaufen lassen: In einem Moment lässt er mich mit gemeißeltem Gesicht warten, nur um dann im nächsten lauthals loszulachen."

Ghana

"Afrika wird immer ein bisschen stiefmütterlich behandelt. Es ist eben nicht nur ein großes Land, sondern es gibt dort ganz verschiedene Kulturen und Landschaften. Auch dort bin ich extrem herzlichen Menschen begegnet. Eine ganze Weile habe ich in der Mülldeponie Agbogbloshie und in der Stadt Cape Coast verbracht. Dort habe ich eine Frau begleitet, die in ihrer Community "Sister Mary " genannt wird. Mary versucht Halbwaisen in die Schule zu bringen. Diese totale Herzlichkeit und Gastfreundlichkeit - obwohl sie selbst kaum etwas hatte - hat mich beeindruckt."

Bulgarien (Sofia)

"Vor allem die Herzlichkeit der Bulgaren ist mir schon auf der Fahrt nach Sofia aufgefallen: Jeder wollte etwas teilen oder abgeben - hier ein paar Süßigkeiten, da ein Käsebrot. Das hat schon mal ein positives Grundgefühl in mir ausgelöst."

Iran

"Wenn man von Deutschland aus auf den Iran schaut, sieht man zunächst den islamischen Überbau - der tatsächlich auch existiert. Dahinter steckt aber noch viel, viel mehr. Wenn iranische Familien beispielsweise ein Kind bekommen, beziehen sie sich oft auf die alte, persische Kultur - die viel älter ist als die islamische Geschichte. Deshalb wählen Iraner persische Namen - um zu zeigen, dass ihre Kultur weit tiefgreifender ist, als es vielleicht den Anschein hat.

Zum Thema Alkoholverbot: Wenn man in eine Kneipe geht, muss man nicht ständig Bier bestellen - es gibt eine fantastische Auswahl an Eistees. Rosenwasser-Eistee ist da zum Beispiel mein Favorit."

Nicaragua

"Das Überraschendste in Nicaragua? Der Blick vom Rand eines Kraters in einen brodelnden Vulkan. In solch einem Moment fühlt man sich wirklich klein. Meine Freundin Luisa und ich konnten dort nur noch daran denken, wie unbedeutend all die Dinge sind, über die wir uns tagtäglich den Kopf zerbrechen. Das war für den Augenblick eine wirklich krasse Erkenntnis."

Kosovo

"Eine meiner Schülerinnen hat behauptet, dass im Kosovo der Latte Macchiato erfunden wurde. Zwar konnte ich nicht so ganz herausfinden, ob das wirklich stimmt - allgegenwärtig ist das Getränk dort aber auf jeden Fall. Die Kosovaren sind sehr stolz auf ihre Latte-Macchiato-Braukunst, die sie perfektioniert haben. Wenn man in den Kosovo fährt: Auf jeden Fall Latte Macchiato trinken!"

Italien (Venedig)

"Ich hatte zuerst Bilder einer überladenen Stadt voller Kreuzfahrtschiffe im Kopf. Als ich vor Ort dann aber auf der Architektur-Biennale war, habe ich nichts vom Massentourismus mitbekommen. Natürlich hat die Stadt ein Problem mit Urlaubern, aber Venedig hat durchaus Ecken, an denen man für sich alleine sein kann.

Besonders gut fand ich das italienische Frühstück - die Grandezza. Ein Espresso und einen Grappa - das reicht dann erst einmal für den Tag!"

Südkorea

"An den Tischen Südkoreas finden sich Geschmacksrichtungen, die ich mir bisher nicht vorstellen konnte - im positiven Sinn! Da ist wirklich alles dabei: Ein einzelnes Gericht kann dort gleichzeitig süß, scharf, salzig und sauer sein. Dort finden, obwohl das Klima unserem doch ähnelt, viel mehr verschiedene Zutaten und Gewürze Anwendung."

Polen (Auschwitz)

"Ich kannte das ehemalige KZ natürlich aus Filmen und Büchern. Aber ich war dann doch überrascht und sprachlos über die Grausamkeit, mit der Menschen sich gegenseitig behandeln können. Zwei Tage lang war ich dort. Ich bekomme jetzt noch eine Gänsehaut, wenn ich darüber spreche."

Armenien

"Im Kaukasus war ich mit einem ziemlich wilden Fahrer unterwegs - Arthur hieß er. So wie der mit mir die Serpentinen entlang geheizt ist, bin ich überrascht, dass ich die Fahrt überhaupt überlebt habe."  

Kolumbien

"In Leticia, ganz im Süden Kolumbiens, fließt auf der einen Seite der Amazonas und auf der anderen Seite grenzt die Stadt sowohl an Peru als auch an Brasilien. So konnten wir innerhalb einer Stunde jeweils ein Bier in Kolumbien, Peru und Brasilien trinken. Überraschend ist auch, wie unheimlich laut ein Regenwald ist. Als wir dort mitten im Tropenwald übernachtet haben, ist mir erst einmal aufgefallen, was für einen Lärm Insekten machen können."

Kuba

"Ich bin nie ein großer Tänzer gewesen. Von sehr voluminösen, alten Damen habe ich dort dann einen Crashkurs bekommen. Die haben mir erklärt, dass ich sowieso alles falsch mache. Jeder Mensch - egal wie alt er ist - könne tanzen, wenn es nur aus der Hüfte kommt. An den Moment, wie diese drei alten Damen graziengleich über das Parkett geschwebt sind, erinnere ich mich heute noch, wenn ich auf einer Tanzfläche stehe. Immer aus der Hüfte kommen!"

China

"Um Peking herum sind einige sanierte Abschnitte der Chinesischen Mauer, auf denen wir entlangwandern konnten. Der Weg war deutlich anstrengender, als wir es angenommen hatten - man lief teilweise wirklich an Abgründen entlang, musste schmale Leitern heraufkraxeln und klettern. Auch da ist es eigentlich überraschend, dass wir überlebt haben!"

Mongolei

"Von der Hauptstadt Ulaanbaatar sind wir hinaus in die Steppe gefahren. Wir haben dort in der Jurte von Nomaden gewohnt. Vor dem Zelt lagen jede Menge Knochen und auch ein Ziegenkopf herum. Man erfährt dann erst, wie sehr das Leben der Nomaden mit dem ihrer Tiere einhergeht.

Der Nomade, bei dem wir gewohnt haben, hatte eine unheimliche Wertschätzung gegenüber seinen Tieren - obwohl vor dem Zelt all die Knochen lagen. Das ist eine richtige Koexistenz. Wenn man eine nomadische Familie in eine deutsche Massenschlachterei bringen würde, würden sie wahrscheinlich schlichtweg den Verstand verlieren. So konnte ich auch meinen eigenen Konsum hinterfragen."

Einfach nur anders

"Ich habe gelernt, dass es wichtig ist, zu erkennen, dass all die unterschiedlichen Sichtweisen und Kulturen nicht besser oder schlechter sind als andere - sie sind einfach nur anders. Wenn man bereit ist, auf Augenhöhe miteinander zu sprechen, dann stellt man fest, dass es weit mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede gibt. Wenn wir uns erst einmal darauf verständigen, dann weiß ich nicht, was das Problem sein soll." Seine Erfahrungen hat Jan Kammann auch in einem Buch festgehalten. "Ein deutsches Klassenzimmer" erzählt von den Eindrücken des Lehrers, der sich auf die Spuren seiner Schüler begeben hat.

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Dieses Thema im Programm:

N-JOY | N-JOY mit Susan Hammann | 12.09.2018 | 09:20 Uhr

N-JOY
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