Stand: 08.06.2020 12:26 Uhr

Alltagsrassismus in Deutschland: Polizeikontrollen dank Hautfarbe?

Roland ist gebürtiger Rheinländer. Heute wohnt er in Bremen. Und er ist schwarz. Für Roland selbst und in seinem Freundes- und Bekanntenkreis spielt seine Hautfarbe keine Rolle. Trotzdem musste er die Erfahrung machen, dass in Deutschland nach wie vor oft Klischees das Handeln bestimmen.

Der Tod des 46-jährigen schwarzen George Floyd im US-Bundesstaat Minnesota hat auf der ganzen Welt Bestürzung ausgelöst: Am 25. Mai 2020 starb er, nachdem ein Polizist ihm fast neun Minuten lang das Knie in den Nacken gedrückt hat - trotz aller Bitten George Floyds, ihn atmen zu lassen. Gegen den Beamten Derek C. und drei seiner Kollegen wurde mittlerweile Anklage erhoben. Alle vier Polizisten wurden entlassen.

Der Vorfall hat weltweit für Solidaritätsbekundungen gesorgt. Am Wochenende sind auch in Deutschland Zehntausende auf die Straße gegangen, um gegen Rassismus zu demonstrieren.

Rassismus im Alltag

Das Thema Rassismus ist durch den Tod von George Floyd aktuell besonders präsent. Doch es gibt auch Menschen, für die das Thema jeden Tag präsent ist - ganz unabhängig von dem Vorfall in den USA. So wie für Roland.

Roland ist heute 33 Jahre alt. Er hat studiert und ist mittlerweile Journalist. Er ist Deutscher, er ist schwarz - und er hasst den Begriff "Migrationshintergrund". Denn streng genommen ist es sein Vater, der einen Migrationshintergrund hat, sagt er. Rolands Vater kommt nämlich aus Ruanda, ist aber auch schon seit 20 Jahren deutscher Staatsangehöriger.

Viele Polizei-Kontrollen

Dass Rolands Hautfarbe nichts über sein Wesen oder seine Kriminalität aussagt, sollte eigentlich selbstverständlich sein. Einige wollen es aber nicht verstehen. Besonders in Sachen Polizeikontrollen hat er schlechte Erfahrungen gemacht. "Jetzt kommt das nicht mehr so häufig vor, aber in meiner Jugend, so zwischen 17 und 23, wurde ich sehr oft kontrolliert."

Klischee-Denken?

Dass er etwas falsch gemacht hätte, sei in den wenigsten Fällen der Grund für die Kontrollen gewesen. Vielmehr vermutet Roland, dass es an seiner Hautfarbe lag - und an seinen weiten Klamotten, denn Roland hat früher gerne Baggys und weite Shirts getragen. "Entweder die Polizisten hatten wirklich Langeweile, oder sie haben in mir ihr Klischee eines Kriminellen oder eines Drogendealers gesehen", sagt Roland über die häufigen Kontrollen in seiner Jugend.

Polizeikontrolle wie im Film

In sehr lebendiger Bildsprache erzählt Roland uns bereits vor einigen Jahren von einer dieser Situationen, an die er sich immer noch erinnert, als sei es gestern gewesen: Er ist unterwegs nach Hause, spät in der Nacht, und kommt an einer Bäckerei vorbei. "Da brannte schon Licht, weil sie schon Brötchen für den den Morgen gebacken haben. Und da ich die Leute dort kannte, bin ich reingegangen, um Brötchen zu kaufen."

Als Roland mit seiner Brötchentüte aus der Bäckerei kommt, läuft es ab wie im Film: "Ein Auto kam mit Fernlicht auf mich zugerast. Ein Polizeiwagen. Die Polizisten sind ausgestiegen und haben gerufen, dass ich die Tüte fallen lassen soll." Anschließend wurde der Inhalt der Tüte kritisch begutachtet. Das Ergebnis: Brötchen und Croissants.

Skurrile Situationen

Und auch solche Situationen sind es, die Roland in Erinnerung geblieben sind: Er steigt aus dem Zug, wird von Polizisten angesprochen. Kontrolle - "routinemäßig", sagen sie. "Ich war der einzige Schwarze im Abteil", sagt Roland. "Da baut sich dann irgendwann schon so eine innere Wut auf." Er erzählt, dass er im Laufe der Zeit eine Antipathie gegen Polizisten entwickelt hat. Trotzdem ist ihm auch klar: "Das sind nur Menschen, die ihrem Beruf nachgehen." Roland spielt das Spiel mit den ständigen Kontrollen also mit - mit schlechter Laune und Wut im Bauch.

Polizei wehrt sich gegen Vorwürfe

Auf unsere Anfrage hin bestreitet die Polizei, dass Personen aufgrund ihres Migrationshintergrunds überprüft werden. Eine Sprecherin der Hamburger Polizei teilt uns schriftlich mit, die Polizei gehe "rechtsstaatlich und verfassungsgemäß" vor. Kontrollen durch Polizeibeamte würden sich nach dem jeweiligen Anlass richten. "Herkunft und Hautfarbe von Personen sind keine Kriterien für polizeiliches Einschreiten", so die Sprecherin.

Hoffnungsschimmer?

Immerhin: Mittlerweile sind die Kontrollen für Roland weniger geworden, und auch in anderen Bereichen kann Roland sich glücklicherweise nicht beschweren: Er hat einen begehrten Job und hatte nie Probleme bei der Wohnungssuche.

Doch es gibt sie noch immer, die Situationen, in denen Roland sich als Schwarzer anders behandelt fühlt als seine weißen Freunde:

Ich hatte in Bremen eine Situation, wo ich definitiv wegen meiner Hautfarbe nicht in den Club gekommen bin. Der Türsteher hat zwei weiße Freunde von mir reingelassen, aber mich erst nach 45 Minuten. Das war definitiv Diskriminierung.

Erfahrungen wie diese, die Roland und viele andere Menschen in Deutschland machen müssen, zeigen: Die aktuelle Diskussion ist wichtig - und dass nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland. Rassismus und Diskriminierung sind für viele immer präsent und werden nicht von einem Tag auf den anderen verschwinden.

 

Weitere Informationen

Tausende bei Demos gegen Rassismus in Hamburg

Bei Demos gegen Rassismus haben in Hamburg etwa 14.000 Menschen demonstriert - zu viele in Corona-Zeiten. Deshalb wurden die Proteste abgebrochen. Im Anschluss gab es Auseinandersetzungen und Verletzte. mehr

Gegen Rassismus: Der Sport geht auf die Knie

Haltung erbeten: Friedliche Gesten von Sportlern im weltweiten Protest gegen Rassismus und Polizeigewalt sollen nicht länger sanktioniert werden. Ein Zeichen auch für Olympia? mehr

Ermittlungen wegen Randale nach Anti-Rassismus-Demos

Nachdem am Sonnabend Tausende in Hamburg friedlich gegen Rassismus demonstriert haben, ist es im Anschluss zu Auseinandersetzungen gekommen. Die Polizei ermittelt nun gegen elf Personen. mehr

Dieses Thema im Programm:

N-JOY | Der Graf | 02.06.2020 | 12:00 Uhr

N-JOY
#

Lieblingssong? Teilen!
Achtung. Beim Klick auf das Facebook-Icon wird eine Verbindung zu Facebook hergestellt. Dabei werden bereits Daten an Facebook übertragen.
Songtitel posten: Facebook
05:00 - 09:00 Uhr  [Webcam]