Stand: 29.09.2020 15:04 Uhr

Social Distancing oder Umarmung? Studie zeigt Uneinigkeit

Eine Studie zeigt, dass nur noch 45 Prozent der Deutschen Abstandsregeln beachten. Auch Umarmungen und Küsse sind wieder auf dem Vormarsch. Was, wenn wir weiter auf Distanz bleiben wollen? Eine Psychologin gibt Tipps.

Monatelang haben wir gelernt, auf Abstand zu gehen. Jeder wusste, worauf es in der Corona-Pandemie ankommt und was zu tun ist. Diese Regeln und Routinen haben sich schnell in unserem Alltag verankert. Doch mit den Lockerungen im Frühsommer und Hochsommer fingen auch diese Verhaltensregeln langsam zu bröckeln an.

Und obwohl Wissenschaft und Politik weiterhin davor warnen, in Sachen Abstand und Hygiene nachlässig zu werden, sehen wir seit einigen Wochen vermehrt Menschen, die anderen Kunden im Supermarkt auf die Pelle rücken - oder auch Gruppen von Freunden, die sich per Umarmung oder Küsschen begrüßen.

Nur eine subjektive Wahrnehmung? Nein, eine Studie des "Hamburg Center for Health Economics" (HCHE) der Universität Hamburg kommt ebenfalls zu dieser Erkenntnis.

Abstand, Handhygiene, Körperkontakt: Deutsche werden nachlässiger

In mehreren Umfragen zwischen April und September haben die Forscher mehrere tausend Menschen aus sieben europäischen Ländern zu ihrer Einstellung in Bezug auf die Corona-Pandemie befragt. Die Auswertung der Antworten für Deutschland zeigt, dass sich trotz einer wachsenden Sorge vor einer Ansteckung längst nicht alle Menschen an Abstands- und Hygieneregeln halten:

  • Auf die Frage, ob die Studienteilnehmer in den vergangenen acht Wochen zu anderen Personen einen Abstand von mindestens einem Meter eingehalten haben, gaben nur 45 Prozent der Menschen in Deutschland an, dass sie Abstandsregeln beachten.
  • Nur 39 Prozent halten sich an die empfohlene Handhygiene.
  • Nur 58 Prozent geben bei der Befragung im September an, Umarmungen, Küsse und Händeschütteln zur Begrüßung zu vermeiden - in der ersten Befragung im April 2020 waren es noch 77 Prozent.

"Wir stellen fest, dass die steigenden Infektionszahlen die Bevölkerung zwar ängstigen, aber gleichzeitig auch, dass eine gewisse Müdigkeit bei der Einhaltung der Regeln zu erkennen ist", fasst der wissenschaftliche Direktor des HCHE Prof. Dr. Jonas Schreyögg zusammen.

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Unterschiedliche Nähe-Distanz-Bedürfnisse: Was tun?

Die Ergebnisse zeigen: Unsere Gesellschaft ist, was Nähe und Distanz betrifft, gespalten. Während die einen im öffentlichen Raum weiter Abstand halten und auf Körperkontakt mit Freunden und Familie verzichten, suchen andere wieder mehr Nähe und achten weniger auf die Einhaltung von Abständen.

"Wir sind gerade so weit, dass wir uns nicht mehr reflexhaft die Hand geben oder uns umarmen - und jetzt geht es wieder rückwärts. Das ist nicht leicht", erklärte die Psychologin Ulrike Scheuermann bereits Ende Juni im N-JOY Interview. Doch was können wir tun, wenn uns unsere besten Freunde am liebsten um den Hals fallen wollen, uns selbst die Umarmung aber gar nicht recht ist?

Wichtig: Über Bedürfnisse reden

Ulrike Scheuermann empfiehlt, sich vorher mit der anderen Person auszutauschen, wie viel Nähe man zulassen möchte und was man sich wünscht. Verzichtet ihr lieber auf direkten Kontakt und eine Umarmung, weil ihr Angst davor habt, eure Eltern oder Großeltern, die zur Risikogruppe zählen, zu gefährden? Dann sagt es eurem Umfeld, so der einfache Tipp der Psychologin. Nur so würden eure Freunde verstehen können, dass eure Distanz nichts Persönliches sei.

Denn dass ihr zurzeit körperlich auf Abstand gehen wollt, bedeutet nicht, dass ihr das auch emotional tun müsst, ergänzt Scheuermann. Mit Freunden über gemeinsame Erlebnisse oder die eigenen Gefühle zu sprechen, erzeuge Nähe - sogar über das Telefon.

Wenn Vorsicht nicht ernst genommen wird

Laut Scheuermann kann in Freundeskreisen aber auch schnell ein Gruppendruck entstehen, bei dem wir uns die Frage stellen müssen, ob wir unseren Prinzipien treu bleiben - oder dazu gehören wollen. Denn: Nicht jeder versteht, warum ihr auf Abstand gehen wollt, so die Psychologin.

In diesen Situationen können wir Scheuermann zufolge aber auch lernen, unsere eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen und sie anderen zu vermitteln. Selbst wenn die Freunde zunächst darüber lachen würden, könne es sie trotzdem zum Nachdenken anregen.

Kontaktmangel schadet uns

Will jemand weiter auf Abstand gehen, bedeutet das natürlich nicht, dass ihm der Körperkontakt nicht auch fehlen kann. Doch nicht nur der fehlende Kontakt zu Familie und Freunden könne uns zu schaffen machen, sondern auch ganz zufällige Begegnungen auf der Straße: Wenn wir vor Corona unsere Nachbarin getroffen haben, sind wir auf sie zugegangen, haben ihr vielleicht die Hand gegeben oder sie sogar umarmt. Nun reagieren wir meist mit Unsicherheit und Zurückhaltung - und signalisieren damit, so die Psychologin, unterbewusst Ablehnung. Dabei sei der Kontakt zu anderen Menschen besonders wichtig.

Wir haben eigentlich ein natürliches Bedürfnis nach Nähe und nach Kontakt mit anderen Menschen. Menschen sind Beziehungswesen. Wir brauchen die Beziehungen und die nahen und persönlichen Kontakte, um uns glücklich zu fühlen und tatsächlich auch gesund zu bleiben. Ulrike Scheuermann

Sensibilität für Abstand wird zunehmen

So sehr uns das "Social Distancing" zu schaffen macht - nach Meinung der Psychologin können wir daraus auch Positives ziehen. Viele Menschen hätten in den Wochen der Kontaktbeschränkungen erst gemerkt, wie groß ihr Distanzbedürfnis wirklich sei. Vorher sei die Umarmung auch mit entfernteren Bekannten auf einer Party normal gewesen, jetzt brauche man sie eigentlich nicht mehr. Dafür vergeben wir laut Scheuermann Umarmungen jetzt umso bewusster an die Menschen, die uns wichtig sind.

Diese Gewohnheiten müssen aber nicht von Dauer sein: Laut Ulrike Scheuermann wird nur das bleiben, was sich für uns tatsächlich als vorteilhaft erweist. Dies ist ganz individuell - genauso wie die Frage, wie schnell oder langsam wir mit anderen Menschen wieder auf Tuchfühlung gehen wollen.

 

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Dieses Thema im Programm:

N-JOY | War noch was? Die Woche mit Kuhlage und Hardeland | 29.09.2020 | 05:00 Uhr

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