Stand: 27.05.2021 10:24 Uhr

Warum die Kinder-Frage verletzend sein kann

"Und, wann ist es bei euch so weit? Warum habt ihr noch keine Kinder?" Fragen wie diese sind für viele mit Leid verbunden. Sie üben nicht nur Druck aus, sondern können auch einen extrem wunden Punkt treffen.

Irgendwann in den 20ern fängt es an, um die 30 werden die Blicke kritischer, der Ton intensiver - und spätestens mit Mitte 30 werden Frauen gerne an ihre "biologische Uhr" erinnert: Junge Paare müssen sich in der "K-Frage" einiges gefallen lassen. Nicht nur enge Freunde, sondern auch entfernte Bekannte oder Verwandte fragen ständig, wann denn endlich Nachwuchs am Start ist.

Was oft gar nicht böse, sondern als vermeintlich harmlose Nachfrage gemeint ist, löst bei vielen Frauen und Männern mindestens ein Augenrollen, wenn nicht sogar Schlimmeres aus.

Kinderlos durch Krankheit oder Unfruchtbarkeit

Denn während viele Paare sicherlich gerne offen über ihre (vorhandene oder eben gar nicht vorhandene) Kinderplanung sprechen, gibt es auch Menschen, die diese "Wann"- und "Warum"-Fragen sehr treffen. Eine von ihnen ist N-JOY Moderatorin Anne Raddatz. Denn sie kann keine Kinder kriegen.

In der Theorie könnte ich Kinder zwar kriegen, aber ich darf es nicht. Ich habe eine Autoimmunkrankheit, gegen die ich starke Medikamente nehme. Unter diesen Medikamenten darf man nicht schwanger werden. Absetzen kann ich sie aber leider auch nicht. Daher beantwortet sich die K-Frage bei mir von selbst. N-JOY Moderatorin Anne Raddatz

Eine Krankheit kann ein Grund sein, warum Paare keine Kinder kriegen. Manchmal fehlt auch einfach der passende Partner oder die passende Partnerin. Oder aber, die Befruchtung funktioniert nicht, obwohl beide Seiten gesund sind - eine harte Belastungsprobe für eine Beziehung. Erst recht, wenn die "K-Frage" in Gesprächen außerhalb der Beziehung ständig wieder aufkommt. "Wenn jemand ein Kind verloren hat oder kein Kind bekommen kann, ist das sehr schmerzlich", erklärt die Psychologin Friederike Klostermeyer-Dupont.

 

Mehrere gebastete Spermien auf pinkem Untergrund. © FemmeCurieuse / photocase.de Foto: FemmeCurieuse / photocase.de

Kinderlosigkeit und Kinderwunsch: Spezialsendung bei N-JOY

N-JOY - N-JOY mit Anne Raddatz -

Wir haben in einer Spezialsendung mit Expertinnen und Experten sowie mit Betroffenen über das Thema Kinderlosigkeit und Kinderwunsch gesprochen. Die Sendung zum Nachhören.

Viele Paare sind ungewollt kinderlos - doch kaum jemand spricht darüber

Obwohl laut Schätzungen des Bundesfamilienministeriums fast jedes zehnte Paar zwischen 25 und 59 Jahren ungewollt kinderlos ist, scheint es noch immer ein Tabu zu sein, darüber zu sprechen, wenn die Erfüllung des KInderwunsches aus verschiedensten Gründen nicht auf Anhieb klappt.

Die Influencerin und Autorin Anna Wilken spricht auf Instagram offen darüber, dass sie unter Endometriose - einer chronischen Erkrankung, bei der sich Gebärmutterschleimhaut-artiges Gewebe um die inneren Organe legt - leidet und versucht, mit Hilfe einer Kinderwunschklinik schwanger zu werden. Sie wünscht sich einen offeneren Umgang mit dem Thema.

Man bekommt immer vermittelt, dass eine perfekte Familie eine Familie ist, wo die Frau das Kind bekommt – und am besten direkt im nächsten Zyklus, nachdem sie die Pille abgesetzt hat. Darüber geredet, dass das nicht geklappt hat, wird ja schon mal gar nicht. Es geht so vielen Paaren so, aber es sprechen halt kaum welche darüber.

Kinderwunsch: "Sich keinen Druck zu machen, ist schwierig"

Wie offen man gegenüber Familie, Freunden oder gar in der Öffentlichkeit mit der eigenen Kinderplanung oder Kinderlosigkeit umgehen möchte, bleibt natürlich jedem selbst überlassen. Das Feedback der N-JOY Community auf unsere Instagram Story zum Thema Kinderwunsch und Kinderlosigkeit zeigt allerdings: Es gibt viel Gesprächsbedarf - über gesellschaftliche Erwartungen und Druck, über Tabu-Themen in der Öffentlichkeit, über Ungerechtigkeiten.

So schreibt uns N-JOY Hörerin Nora: "Es wird viel zu wenig darüber gesprochen. Seit 1,5 Jahren versuchen mein Partner und ich, schwanger zu werden. Wir haben schon verschiedene Sachen ausprobiert, aber sich selber keinen 'Druck' zu machen, ist schwierig." Mit der Zeit habe sie sich immer mehr Leuten anvertraut und sei froh darüber, dies getan zu haben.

Die Kinder-Frage in homosexuellen Beziehungen

Auch für Menschen, die in homosexuellen Beziehungen leben, kann die Kinder-Frage belastend sein. Bereits vor einiger Zeit schreibt uns zum Beispiel N-JOY Hörer Olli, dass er seine sexuelle Orientierung "nicht jedem gleich auf die Nase binden" möchte.

Sandra und ihre Frau hätten gerne ein Kind gehabt und haben den Weg über die Samenbank gewählt - allerdings ohne Erfolg. "Nach zwölf erfolglosen Versuchen waren wir um knapp 25.000 Euro ärmer und haben unseren Wunsch nach einer Vernunftentscheidung ad acta gelegt", schreibt die N-JOY Hörerin.

Auf unsere Instagram-Story hin schreiben uns weitere Frauen. Sie beklagen, dass sie als lesbische Paare nicht die gleiche finanzielle Unterstützung erhalten wie heterosexuelle Paare.

Meine Frau und ich wünschen uns so sehr ein Kind. Meine Frau möchte aus persönlichen Gründen nicht schwanger sein. Ich dafür umso mehr. Da bei mir ein Eileiter nicht durchlässig ist, kommt nur eine Kinderwunschbehandlung im Frage. Diese müssen wir als homosexuelles Paar finanziell leider komplett alleine stemmen.

 

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Bundesinitiative: Nur Rheinland-Pfalz unterstützt Frauenpaare

Und tatsächlich: Die Bundesinitiative "Hilfe und Unterstützung bei ungewollter Kinderlosigkeit" unterstützt Paare unter gewissen medizinischen Voraussetzungen zwar bei der Erfüllung ihres Kinderwunsches - neben der Tatsache, dass in jedem Bundesland unterschiedliche Bedingungen gelten und sich nicht alle Bundesländer an der Initiative beteiligen, gibt es mit Rheinland-Pfalz jedoch nur ein Bundesland, das nun auch gleichgeschlechtliche Frauenpaare mit dem Zuschuss fördern will.

Im "Förder-Check" des Online-Portals gibt es nach der Auswahl des Bundeslandes unter dem Punkt "Beziehungsstatus" drei Auswahlmöglichkeiten: "Unverheiratete heterosexuelle Paare", "Verheiratete heterosexuelle Paare" oder "Alle anderen".

Wer zum Beispiel in Niedersachsen wohnt, dort eine Kinderwunschbehandlung durchführen lassen möchte und bei der dritten von elf Fragen "Alle anderen" anwählt, für den heißt es: Endstation - "Voraussetzungen für Förderung möglicherweise nicht erfüllt". Es werde keine finanzielle Förderung gewährt, weil diese in Niedersachsen nur an verheiratete und unverheiratete heterosexuelle Paare vergeben werde. Gleiches gilt für Mecklenburg-Vorpommern. Schleswig-Holstein und Hamburg beteiligen sich bisher gar nicht an der Bundesinitiative.

Kein Kinderwunsch - na und?

Ein weiterer Punkt, der bei der Frage nach der Kinderplanung selten bedacht wird: Was, wenn ein Paar sich untereinander nicht einig ist und wir mit unserer unbedarften Frage einen wunden Punkt in der Beziehung anderer Menschen treffen? Oder wenn jemand bewusst und voller Überzeugung einfach keine Kinder möchte?

N-JOY Hörerin Julia hat zum Beispiel die Erfahrung gemacht, dass sie sich für ihren nicht vorhandenen Kinderwunsch ständig rechtfertigen muss, wie sie uns bereits Anfang 2020 schreibt: "Am Ende musste ich mich schon als Kinderhasserin und böser Mensch betiteln lassen. Ich bin keine Brutmaschine! Wir Frauen sind nicht nur zum Kinderkriegen da."

Kinder-Frage: Wie reagieren?

Bleibt die Frage, wie wir am besten reagieren, wenn wir uns durch die "K-Frage" eingeengt oder unter Druck gesetzt fühlen. Klostermeyer-Dupont rät, den Weg zu wählen, mit dem wir uns am wohlsten fühlen.

So können wir den Spieß beispielsweise einfach umdrehen und vom Gefragten zum Fragenden werden: "Einfach fragen: 'Spannende Frage, möchtet ihr später mal Kinder haben? Warum habt ihr euch dafür oder dagegen entschieden?' Wer fragt, führt! Wenn man dem anderen die Frage gestellt hat, kann man jederzeit das Thema wechseln." Auch mit Humor sei man auf der sicheren Seite, erklärt die Psychologin.

Anne Raddatz aus dem N-JOY Vormittag antwortet mittlerweile ganz offen auf die Kinder-Frage: "Ich kann keine Kinder bekommen. Es wird niemals soweit sein." Um Betroffene gar nicht erst in diese für alle Seiten unangenehme Situation zu bringen, hat sie eine Bitte:

Auch wenn ihr es gut meint: Geht vorsichtig mit der Frage um. Wenn Menschen darüber reden wollen, fangen sie schon von allein damit an! Anne Raddatz, N-JOY Moderatorin

 

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Dieses Thema im Programm:

N-JOY | N-JOY mit Anne Raddatz | 31.05.2021 | 10:00 Uhr

N-JOY
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