Stand: 10.01.2019 13:04 Uhr | AutorIn: Anthrin Warnking

Öko-Boom: Was kann Naturkosmetik?

Die Kosmetikbranche boomt. Das macht sich besonders im Bereich Naturkosmetik bemerkbar. Aber sind pflanzliche Produkte grundsätzlich besser als konventionelle Produkte? Spoiler: Der Umwelt könnt ihr mit Naturkosmetik nur Gutes tun - eurer Haut und eurem Geldbeutel aber nicht zwingend.

Rund 13,8 Milliarden Euro haben wir Deutschen laut dem Industrieverband Körperpflege- und Waschmittel 2018 für Körperpflegemittel ausgegeben. Während konventionelle Konkurrenten deutlich langsamer wachsen, liegen Pflegemittel, die aus Naturstoffen hergestellt werden und auf natürlichen Pflanzen, Ölen und Fetten statt auf Mikroplastik, Silikonen und Paraffinen basieren, voll im Trend.

Nach Erkenntnissen der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) greifen vor allem Menschen bis 49 immer öfter tiefer in die Tasche, um Naturkosmetik zu kaufen - im Schnitt für 4,30 Euro pro Produkt statt für 2,20 Euro bei konventionellen Produkten.

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Klicktipp: "GLOWnatur" auf Instagram

Der Instagram-Kanal "GLOWnatur" von funk, dem Content-Netzwerk von ARD und ZDF, wirft einen Blick hinter die Fassade der Beauty-Industrie, klärt über Inhaltsstoffe auf und testet aktuelle Make-up-Trends - mit einem besonderen Schwerpunkt: Alle Produkte sind vegan und schaden weder der Umwelt noch dem Körper. 

Die Hosts Ashley, Esra und Svenja stellen zum Beispiel naturkosmetische Alternativen zu konventionellen Produkten vor, klären über Tierversuche auf und zeigen, wie ihr euch Shampoo, Handcreme und Co. ganz einfach selbst herstellen könnt. Schaut mal rein - hier geht's zum Kanal auf Instagram.

Naturkosmetik ist nicht gleich Naturkosmetik

Wie nachhaltig die Cremes, Shampoos oder Make-Ups für unsere Umwelt tatsächlich sind, ist allerdings sehr unterschiedlich und gar nicht so einfach zu erkennen, denn der Begriff "Naturkosmetik" ist nicht geschützt. Das bedeutet: Jeder Hersteller kann sich ein grünes Logo designen, Worte wie "organic" oder "natürlich" auf seine Produkte schreiben und so suggerieren, dass es sich um ein ausschließlich mit Naturprodukten hergestelltes Pflegemittel handelt.

Abhilfe schaffen mehrere Öko-Siegel, wie zum Beispiel das BDIH-, das EcoCert- und das NaTrue-Siegel, an denen wir uns orientieren können. Dabei werden je nach Siegel unterschiedliche Kriterien an die Inhaltsstoffe und die Produktionsbedingungen der zertifizierten Produkte gestellt.

Ausführliche Listen im Netz - zum Beispiel auf dem "Vegan Beauty Blog" - geben einen Überblick, welche Mittel ein offizielles Siegel tragen und ob sie tierversuchsfrei und vegan sind. Seid ihr euch unsicher, mit was für Wirkstoffen ihr es auf der Zutatenliste eines Kosmetikmittels zu tun habt, könnt ihr außerdem diese Datenbank durchsuchen.

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Naturkosmetik: Gut für die Umwelt - aber auch für die Haut?

Unumstritten ist, dass zertifizierte Naturkosmetik, die ohne Kunststoffe oder andere erdölbasierte Inhaltsstoffe auskommt, aus Umweltschutzgründen eine gute Sache ist. Aber was hat unsere Haut davon, wenn wir uns - wie es immer öfter heißt - "weniger Chemie auf die Haut schmieren"?

Dr. Johannes Müller-Steinmann, Facharzt für Dermatologie, Allergologie und Naturheilverfahren aus Kiel, vertritt eine klare Position:

Ich bin der Meinung, dass Naturkosmetik in puncto Sicherheit und Risiko keine Vorteile gegenüber konventionellen Kosmetikprodukten hat. Dr. Johannes Müller-Steinmann im N-JOY Interview

Hautcremes: "Sehr selten ernsthaft schädliche Stoffe"

So stellt der Hautarzt in Frage, dass es sinnvoll ist, per sé auf Konservierungsstoffe zu verzichten. "Wenn eine Creme nicht konserviert ist, verdirbt sie schneller - sie wird schneller ranzig oder von Bakterien besiedelt, was mindestens der Qualität, wenn nicht sogar der Gesundheit Abbruch tut", erklärt er im N-JOY Interview.

Wer allergisch auf ein bestimmtes Konservierungsmittel reagiere, könne anhand der Zutatenliste erkennen, dass er ein Produkt lieber nicht nutzen sollte. Es gebe aber kaum Menschen, die eine Allergie gegen sämtliche Konservierungsstoffe hätten.

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Andere Experten sehen das kritischer: Konservierungsstoffe wie Parabene sind umstritten, obwohl - oder gerade weil - ihre Folgen bisher nicht abschließend erforscht werden konnten. Fakt ist allerdings: Unverträglichkeitsreaktionen können auch bei natürlichen Kosmetika auftreten. Laut dem Deutschen Allergie- und Asthmabund treten Allergien auf Arnika, Kamille und den Duftstoff Perubalsam besonders häufig auf.

Ob Naturkosmetik oder konventionelle Kosmetik: Müller-Steinmann erklärt, Pflegeprodukte seien in Deutschland gut überwacht: "In den Cremes, die heute angeboten werden, sind sehr, sehr selten ernsthaft schädliche Stoffe. Wenn es einen Skandal gibt, kann die Firma zumachen."

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Naturkosmetik: Was ihr beim Gebrauch beachten solltet

Stiftung Warentest empfiehlt, Folgendes zu beachten, wenn ihr Naturkosmetik benutzt - unter anderem wegen der sanfteren Konservierung:

  • Benutzt möglichst Cremes in Tuben mit kleinen Öffnungen - so können Keime schlechter eindringen.
  • Entnehmt Cremes nur mit sauberen Fingern oder mit einem sauberen Spatel.
  • Verschließt Tuben nach jedem Gebrauch luftdicht.
  • Bewahrt Naturkosmetik am besten bei 18 bis 20 Grad und nicht in überheizten Badezimmern auf.
  • Braucht Naturkosmetik möglichst zügig auf. Achtet auf das Mindeshaltbarkeitsdatum und auf das Symbol mit der geöffneten Dose - dies zeigt an, wie lange das Produkt nach dem Öffnen haltbar ist.
  • Benutzt die Kosmetika nicht weiter, wenn sich Geruch, Farbe oder Konsistenz verändert haben. Sie könnten verdorben sein.

Tipp vom Hautarzt: Nutzt das richtige Produkt für euren Hauttyp

Auf bestimmte Inhaltsstoffe würde Müller-Steinmann dennoch verzichten - zum Beispiel auf Paraffine und Palmöl.

Paraffinöl ist ein Erdöl-Produkt, das nicht abgebaut wird und die Haut abdichtet. Das kann in seltenen Fällen sinnvoll sein, damit die Haut nicht so viel Wasser verliert - wenn man extrem trockene Haut oder Neurodermitis hat. Palmöl tut der Haut nichts, aber es wird unter sehr umweltunfreundlichen Bedingungen gewonnen. Dr. Johannes Müller-Steinmann, Hautarzt

Es gebe aber auch konventionelle Produkte ohne diese Zutaten. Am Ende gehe es darum, so der Experte, ein passendes Produkt für unseren Hauttyp zu finden. Schmiere sich jemand mit Akne zum Beispiel zu fetthaltige Cremes auf die Haut, könne er noch mehr Pickel bekommen.

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Die Angaben auf der Verpackung - zum Beispiel "für trockene Haut" - können dabei ein erster Anhaltspunkt sein, welche Creme unserer Haut gut tut. Das Ausprobieren bleibt uns trotzdem nicht erspart. Pro-Tipp: Fangt dabei nicht im obersten Preissegment an, denn ein Gesichtscreme-Test von Öko-Test zeigt: Teuer muss keine Garantie für Qualität sein.

Das gilt nicht nur für konventionelle, sondern auch für natürliche Kosmetik. Müller-Steinmann rät, Produkte im mittleren Preissegment zu nutzen, statt Hunderte von Euro auszugeben: "Naturkosmetik ist bei der gleichen Leistung meistens teurer. Sie zahlen viel mehr, haben aber ganz wenig mehr Nutzen."

Unser Fazit: Wer bereit ist, mehr auszugeben und mit Naturkosmetik gut klarkommt, schadet weder der Umwelt noch seiner Haut. Da jede Haut und jeder Geldbeutel anders beschaffen sind, bleibt die Wahl von Hautcreme und Co. eine Abwägungssache.

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Dieses Thema im Programm:

N-JOY | N-JOY mit Anne Raddatz | 10.01.2019 | 09:00 Uhr

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