Stand: 14.05.2021 15:00 Uhr

Homosexualität: "Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht"

Schwul, lesbisch oder bi zu sein ist bei uns in Deutschland doch eigentlich kein Problem mehr - oder doch? Wir haben mit Philipp gesprochen. Er lebt offen schwul in Hamburg und erzählt aus seinem Alltag.

Meilensteine wie die "Ehe für alle" und das längst überfällige Verbot von "Konversionstherapien" zur "Umpolung" homosexueller Menschen zeigen: Es geht voran. Doch homophobe Grundeinstellungen sind auch in einer weitestgehend aufgeklärten Gesellschaft wie in Deutschland nicht selten.

So hat die Zahl der Übergriffe auf Homosexuelle in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Darüber hinaus haben viele schwule, lesbische oder bisexuelle Menschen mit Vorurteilen und Klischees zu kämpfen. Manche verheimlichen ihre Sexualität aus Angst, diskriminiert zu werden, viele berichten über Mobbing, Übergriffe und Diskriminierung.

Wir haben darüber mit Philipp (Name von der Redaktion geändert) gesprochen. Er wohnt mittlerweile in Hamburg, aufgewachsen ist er aber in einer niedersächsischen Kleinstadt. Wir wollten von ihm wissen, welche Erfahrungen er beim Coming-out in der Familie und in seinem Freundeskreis gemacht hat und ob er sich im Alltag diskriminiert fühlt.

Philipp, wann hast du gemerkt, dass du auf Männer stehst?

Das wusste ich schon relativ früh. Ich kann jetzt kein Alter sagen, aber das war vor der Pubertät bereits im Hinterkopf. Und als ich dann in die Pubertät kam, war es relativ schnell klar.

Und war es schwierig für dich, dir das einzugestehen?

Überhaupt nicht. Ich weiß auch nicht, woher ich damals dieses Selbstbewusstsein genommen habe, denn in anderer Hinsicht habe ich es eben nicht. Ich hatte nie das Gefühl, dass bei mir irgendetwas falsch ist oder ich gar komisch bin.

Du kommst aus einer Kleinstadt aus Niedersachsen. Wie hat dein Umfeld auf dein Coming-out reagiert, die Familie mal ausgenommen?

Irgendwie war das nie ein Thema. Menschen haben sich weder sonderlich negativ noch positiv dazu geäußert. Das mag auch daran liegen, dass ich nicht in typisch kleinstädtischen Organisationen wie Fußball- oder Sportvereinen großgeworden bin, sondern immer Musik gemacht habe. So waren diese gängigen Macho-Sprüche nie Thema. Es ging immer um die Musik.

Wie hast du es deiner Familie erzählt - und wie hat sie reagiert?

Zuerst habe ich es einer meiner Schwestern erzählt, zu der ich immer ein gutes Verhältnis hatte. Da sie bereits ausgezogen war, hab ich ihr einen Brief geschrieben. Sie reagierte nicht sonderlich überrascht und hat das Ganze sehr positiv aufgenommen.

Danach habe ich es meiner Mutter erzählt, da muss ich 16 gewesen sein. Auch sie hat es sehr positiv aufgenommen. Als es ausgesprochen war, war es auch überhaupt kein Problem.

Und wie hat dein Umfeld in der Schule es aufgenommen?

In der Schule hatte ich es schon vorher meinen Freunden gesagt. Ich hatte auch nie das Gefühl, dass ich da ein Geheimnis draus machen muss. Deswegen finde ich den Begriff "Coming-out" auch so merkwürdig. Es klingt immer so, als ob man ein großes Geheimnis mit sich herumträgt, das einen belastet - und wenn man es ausspricht, wird alles toll. Ich hatte nie das Gefühl, dass mich das belastet, sondern dass es vielmehr ein Teil meiner Persönlichkeit ist. Witzigerweise hat die Freundin, bei der ich mich zuerst "geoutet" habe, mir gleich im Gegenzug erzählt, dass sie lesbisch ist.

Also hast du keine negativen Reaktionen erlebt?

Die eine oder andere - aber nicht direkt mir gegenüber. Da ich von der Erscheinung her etwas größer bin und nicht klein und schmächtig, hatten die meisten offenbar nicht die Eier in der Hose, um so etwas direkt zu äußern.

"Das ist ja voll schwul" - wie gehst du damit um, wenn "schwul" von einigen Menschen umgangssprachlich mit "blöd" oder "doof" gleichgesetzt wird?

Also zunächst fühle ich mich davon weder angesprochen noch angegriffen. Was mich vielmehr stört, ist das Bild, das von Schwulen in der Öffentlichkeit klischeehaft existiert - und das unter anderem auch vom Christopher-Street-Day transportiert werden kann. Der Christopher-Street-Day ist auf jeden Fall eine gute Veranstaltung, weil es um Toleranz geht. Das Problem ist nur, dass viele Menschen wahrnehmen: Schwul ist irgendwie immer bunt, schräg und durchgeknallt. Dabei ist das nur die eine Seite der Medaille. Es gibt extrem viele Schwule und Lesben, die sich optisch überhaupt nicht vom Rest der Gesellschaft abheben.

Und das ist vielleicht immer das größte Überraschungsmoment. Ich selber komme, würde ich mal sagen, überhaupt nicht schwul rüber. Weil ich auch keinen femininen Touch oder irgendetwas anderes habe, das die Öffentlichkeit als schwul wahrnimmt. Und wenn es dann heißt: "Wie, du bist schwul?", denke ich: "Ja, schon, aber wo ist das Problem? Warum sollte ich nicht schwul sein? Nur weil ich mich nicht bunt kleide und mit nacktem Arsch rumlaufe?"


Nimmst du dein Umfeld wahr, wenn du deinem Freund zum Beispiel im Restaurant einen Kuss gibst?

(denkt kurz nach) Hm, ich muss ganz ehrlich sagen, ich achte gar nicht drauf, ob sich jemand im Umfeld gestört fühlt oder wie die Reaktionen ausfallen. Ich habe jedenfalls noch nie mitbekommen, dass das jemand mal negativ konnotiert hat.

Philipp, vielen Dank für das Gespräch.

 

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Dieses Thema im Programm:

N-JOY | N-JOY Weltweit | 17.05.2020 | 20:00 Uhr

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