Stand: 14.06.2021 10:01 Uhr | AutorIn: Anthrin Scheel

Facebook & Co.: Warum der Hass?

Was geht in Usern vor, die in den Kommentarspalten im Netz wie aus dem Nichts verbal auf andere eindreschen? Und was könnt ihr tun, wenn eine Diskussion im Internet eskaliert und sich gegen andere User oder vielleicht sogar gegen euch richtet?

Wer im Netz seine Meinung sagt oder sich gegen den Hass anderer User stellt, kann schnell selbst zur Zielscheibe von Beleidigungen werden. So werden die Kommentarspalten in sozialen Netzwerken immer wieder zu einem Ort, an dem User andere Menschen oder sich untereinander auf persönlicher Ebene anfeinden und herabwürdigen, statt konstruktiv zu diskutieren.

Das müssen wir auch unter unseren eigenen Postings auf Facebook oder Instagram immer wieder beobachten: Unter einem Posting, in dem sich ein Schauspieler dazu äußert, dass er endlich zu seinem Körper stehen kann, wird Bodyshaming betrieben. Unter einem Posting, in dem Nina Zimmermann aus dem N-JOY Nachmittag den Schulsport Völkerball kritisiert oder Christian Haacke sich zum Gebrauch von Nebelleuchten äußert, werden die Kollegen angefeindet und auf persönlicher Ebene beleidigt.

Wie kann eine Diskussion zu einem an sich so banalen Thema so entgleisen? Was geht in den Köpfen der User vor, die im Netz gegenüber anderen Menschen verletzend werden, statt ihre Meinung zum Thema zielführend zu artikulieren? Und was können wir gegen den Hass unternehmen?

Psychologe: "Durch Meckereien findet man immer Freunde"

Der Psychologe Volkan Yildirim sieht für ausartende Diskussionen, wie es sie im Netz immer wieder gibt, unterschiedliche Gründe - darunter zum Beispiel eine generelle Mecker-Mentalität in Deutschland, sowohl im Netz als auch offline:

Man findet immer jemanden, mit dem man meckern kann, wenn der Bus nicht kommt. Aber du kannst nicht auf der Straße jemanden anquatschen und sagen 'Hey, schöner Tag, wie geht's denn so?' Da werden die Leute komisch gucken.

Kommen in sozialen Netzwerken viele Meckerer zusammen, würden sich andere Nutzer zurückziehen, die die Kommentare lesen.

Über Alpha-Tiere und kollektive Grenzüberschreitung

Meistens gebe es in solchen Diskussionen Alpha-Männchen oder -Weibchen: "Sie ermutigen sich und schaukeln sich gegenseitig hoch, weil Sympathien und Antipathien entstehen."

Die mögliche Folge: Solche verbalen Grenzüberschreitungen entfalten eine enthemmende Wirkung, weil sie zunehmend als normal angesehen werden. "Man fühlt sich nicht verantwortlich und denkt: 'Wenn der das macht, warum sollte ich das nicht auch machen?'" Um inhaltliche Diskussionen gehe es den Hatern in diesen Diskussionen nicht, erklärt der Psychologe.

Hass im Netz: Was Hater antreibt

Aber was motiviert die Hater dann, ihre Zeit mit dem Verfassen von beleidigenden und unsachlichen Kommentaren zu verbringen? Pauschalisieren wolle er das nicht, sagt Yilidirim.

Es geht darum, eine Situation zu kontrollieren. Das steigert meinen Selbstwert. Diese positive Selbstdefinition ist wichtig, weil sie dafür sorgt, dass wir uns wertvoll fühlen. Und es ist egal, ob das moralisch verwerflich ist oder nicht.

Die Kontrolle sei eine Form der Machtausübung. Indem sie sich über andere stellen, bekämen Hater den Eindruck, selbstbestimmt zu handeln. "Ich kann mich als Hater gut fühlen, wenn ich jemanden fertig mache."

Überschätzung und Schwarz-Weiß-Denken

In der Psychologie gehen Forschende davon aus, dass die Fähigkeit zur Selbstreflexion in Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt ist. So beschreibt der "Dunning-Kruger-Effekt" eine kognitive Verzerrung, die dazu führt, dass einige Menschen dazu neigen, andere systematisch zu unterschätzen, während sie ihre eigenen Kompetenzen überschätzen.

Diese Menschen sind aus verschiedensten Gründen nicht in der Lage, sich mit sich selbst auseinander zu setzen und sich zum Beispiel einzugestehen, dass sie Unrecht haben. Fakten interessieren sie nicht. Sie sind überzeugt von ihrer Meinung und besitzen nicht die Fähigkeit, Dinge kritisch, reflektiert und differenziert zu betrachten.

Diese unterschiedlich ausgeprägten Fähigkeiten zur Reflexion gelten auch für Schubladendenken: Während die einen sich differenziert mit Themen, Menschen und ihren eigenen Stereotypen auseinander setzen könnten, gebe es "eine große Palette von Menschen, für die es nur Schwarz oder Weiß gibt."

User sozialer Medien sind wie Autofahrer

Der Psychologe vergleicht das Verhalten mancher Menschen im Netz mit dem Straßenverkehr: "Man ist anonym und kann die Sau rauslassen. Und dann sieht man, welcher Autofahrer asozial ist und wer doch rücksichtsvoll fährt."

Weitere Informationen

Instagram plant Mobbing-Filter gegen Hassnachrichten

Mit einer neuen Funktion soll verhindert werden, dass User missbräuchliche Instagram-Anfragen in Direktnachrichten überhaupt sehen. Auch die Kontaktaufnahme von bereits blockierten Personen soll erschwert werden. mehr


Psychologe zu Hass im Netz: "Ich würde nicht dagegen halten"

Würde der Psychologe Yildirim selbst zur Zielscheibe der Hater, würde er sich persönlich nicht ins Hass-Getümmel stürzen und auf eine Diskussion einlassen. Stattdessen rät er dazu:

  • Die Kommentare und ihre Absender im sozialen Netzwerk melden.
  • Die Kommentare ignorieren.
  • Humorvoll reagieren und der Person so das Gefühl geben, nicht ernst genommen zu werden.
  • Einen Screenshot machen und ihn im eigenen Umfeld posten.

Es sei besonders wichtig, sich mit anderen Menschen auszutauschen: "Man braucht immer ein soziales Umfeld, das einen darin bestärkt, dass man selbst nicht spinnt oder falsch liegt. Das machen die Hater genauso - sie haben auch ein soziales Umfeld, das sie darin bestärkt, dass sie richtig liegen."

Auf diese Weise kann jeder Nutzer helfen, wenn er beobachtet, wie jemand Opfer von Hetze wird. Schon eine Privatnachricht könne helfen. "Ich würde die Person anschreiben und ihr sagen: 'Nimm dich da raus, man kann gegen solche Leute nicht gewinnen, weil sie einem niemals den Sieg gönnen.'"

Hass im Netz kann strafbar sein

Übrigens: Es ist auch möglich, rechtliche Schritte einzuleiten: "Jeder, der sich durch einen Kommentar persönlich beleidigt fühlt, kann zur Polizei gehen und Strafanzeige erstatten", erklärt die Hamburger Oberstaatsanwältin Nana Frombach.

Nicht jede Unhöflichkeit oder Distanzlosigkeit reiche aus, um die Strafbarkeitshürde zu überwinden. Sind Beschimpfungen im Spiel, sieht die Sache anders aus: "Erforderlich ist, dass es eine Ehrverletzung und Herabwürdigung des Adressaten gibt", so Frombach.

Schärfere Strafen für Beleidigung und Bedrohung im Netz

Die mögliche Strafe für Beleidigungen im Netz wurde durch das Gesetz zur Bekämpfung des Rechtsextremismus und der Hasskriminalität zuletzt sogar verschärft. Seit dem 3. April 2021 heißt es in Paragraph § 185 StGB:

Die Beleidigung wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe und, wenn die Beleidigung öffentlich, in einer Versammlung, durch Verbreiten eines Inhalts (§ 11 Absatz 3) oder mittels einer Tätlichkeit begangen wird, mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

Ausgehend davon könne im schlimmsten Fall gegen den Täter, der im Netz eine Beleidigung getätigt hat, eine Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder eine Geldstrafe verhängt werden, erklärt die Generalstaatsanwaltschaft Hamburg auf Anfrage - wobei die konkret zu verhängende Strafe im Einzelfall geprüft werde. Auch bei Bedrohungen im Netz drohen unter bestimmten Voraussetzungen mehrere Jahre Freiheisstrafe oder eine Geldstrafe.

Der Polizei einen Fall in einer Aussage zu schildern, kann laut Frombach ausreichen. Besser ist es aber natürlich, wenn ihr einen objektiven Beweis, zum Beispiel einen Screenshot, mitbringt.

Weitere Informationen

Warum wir keine Impfpass-Fotos im Netz posten sollten

Fotos vom eigenen Impfpass auf Facebook, Twitter oder Instagram veröffentlichen? Der Hamburger Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar erklärt, warum das keine gute Idee ist. mehr

Gewalt im Netz: Mehr als die Hälfte der Frauen betroffen

Eine Umfrage zeigt, wie viele Frauen von digitaler Gewalt betroffen sind. Jede zweite Befragte wird online sogar häufiger belästigt als auf der Straße. Junge Frauen rufen die Betreiber sozialer Netzwerke in einem offenen Brief zum Handeln auf. mehr

Safer Internet Day: Die Macht der Influencer

Fast jeder zweite junge Nutzer sozialer Netzwerke folgt Influencern. Der Safer Internet Day will dafür sensibilisieren, wie die "Beeinflusser" Meinungen verändern. mehr

Achtung Fake: So könnt ihr Fälschungen im Netz erkennen

Derzeit kursieren zum Coronavirus zahlreiche Falschmeldungen. Diese Fragen können euch dabei helfen, Fakes und unseriöse Quellen besser zu erkennen! mehr

Dieses Thema im Programm:

N-JOY | N-JOY mit Anne Raddatz | 18.06.2021 | 09:00 Uhr

Multimedia - Neues aus der digitalen Welt

Welches Video ist angesagt? Was gibt's Neues von Facebook? Auf welche Technik-Highlights können wir uns freuen? In der Netzwelt gibt's topaktuell News und Hintergrundwissen aus der digitalen Welt. mehr

N-JOY
#

Lieblingssong? Teilen!
Achtung. Beim Klick auf das Facebook-Icon wird eine Verbindung zu Facebook hergestellt. Dabei werden bereits Daten an Facebook übertragen.
Songtitel posten: Facebook
05:00 - 09:00 Uhr  [Webcam]